Die aktuelle Kritik

Figurentheater Maren Kaun: "Guten Abend, gut' Nacht"

von Manfred Jahnke

Frank Soehnles Inszenierung spiegelt die Drastik Schwarzer Pädagogik in Grimms Märchen.

 

Schwarze Pädagogik

Es beginnt mit einem Lied. Gesungen von zwei Frauen in weißen Kitteln, erst leise, dann stetig aggressiver werdend. Es erzählt vom Sandmann, der den Kindern Sand in die Augen streut. Als Mitglieder der Fachberatungsstelle für Lernstandsfeststellung weisen die Frauen darauf hin, wie wichtig es für Kinder ist, brav ihren Eltern zu folgen. Dabei irritierr das Bühnenbild, das – anfangs noch teilweise mit Plastikbahnen verhüllt – mit einer alten Wiege und einem hohen schmalen Schrankgestell, Reisekoffern, Kisten und einem Rundpolster eher an ein biedermeierliches Bild des 19. Jahrhunderts erinnern.

Wenn Maren Kaun und Maike Wehmeier die Kittel ablegen, werden auch die Verhüllungen entfernt. Mit Puppen erzählen sie Märchen der Brüder Grimm nach. Im Zentrum stehen Erzählungen, die an „schwarze Pädagogik“ erinnern. Es sind vor allem zwei, die haften bleiben: „Das eigensinnige Kind“, das nicht tat, was seine Mutter wollte und daher von Gott bestraft wird, und „Von dem Machandelboom“, eine etwas kompliziertere Geschichte von einer Frau, die erst sehr spät einen Jungen bekommt und bei der Geburt stirbt. Der Vater heiratet ein zweites Mal. Seine neue junge Frau, die ihm eine Tochter gebährt, schlägt dem Jungen den Kopf mit dem Deckel der Apfelkiste ab, setzt ihm diesen wieder auf und lässt die Tochter ihn anstoßen, so dass der Kopf ein erneutes Mal fällt. Und obwohl die Tochter bittere Tränen weint, zerschnippelt die Mutter den Buben, kocht ihn und setzt ihm seinen Vater vor…

Maren Kaun und Maike Wehmeier spielen mit Puppenköpfen, deren Gesichter leicht grotesk verformt sind und die sie von hinten führen können. Dazu nehmen sie für die Körper etwa grüne Stoffe oder kleine Kissen. Insbesondere, wenn die Geschichte von dem Jungen aus dem „Machandelboom“ vorgeführt wird, bekommt das Figurenspiel einen intensiven Charakter. Maren Kaun überzeugt besonders in der Puppenspielführung, obwohl sie oft dezent im Hintergrund bleibt, während Maike Wehmeiner mit Überdruck spielt.

Regisseur Frank Soehnle überrascht durch viele kleine Einfälle, die dem bösen Spiel eine humorvolle Note geben, manchmal aber auch nur irritieren - etwa wenn Maike Wehmeiner eine Art Stahlhelm auf hat oder eine lächelnde bunte Schildkröte über die Bühne gezogen wird. Die stärksten Szenen gelingen ihm, wenn er vom „Machandelboom“ erzählt. Leitmotivartig rieselt immer wieder Sand auf die Bühne. Und auch, wenn das brahm’sche Wiegenlied – Guten Abend, gute Nacht – nur einmal erklingt, hat der Zuschauer das Gefühl, dass er schon die ganze Zeit dieses „mit Rosen bedacht, mit Näglein besteckt“ im Ohr hatte.

Der Clou dieser Inszenierung ist, dass hier Grimmsche Märchen nicht für Kinder erzählt werden, sondern für Erwachsene. Die Drastik „Schwarzer Pädagogik“ spiegelt sich in Handlungen, die in ihrer Grausamkeit überraschen und abstoßen, aber dennoch Teil unseres kulturellen Erbes sind. Und mit dem romantischen Bild von den harmlosen Märchen aufräumen.

 

Premiere am FITZ! Stuttgart: 28. Januar 2017

Eine Produktion des Figurentheater Maren Kaun
Regie: Frank Soehnle
Figuren/Ausstattung: Maren Kaun, Alex Knüttel
Musik: Johannes Fritsch

Es spielen Maren Kaun und Maike Wehmeier.

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