Die aktuelle Kritik

Puppentheater Halle: „Vom Abendland“

von Franziska Reif

Ein Reigen aus Figuren und Andeutungen erzählt von der Angst vorm Untergang.

 

Kunst der Überlegenheit

Ein erzählerischer Kniff ist die Sache mit dem Hund: Der ist bereit und in der Lage, sich selbst draußen anzuketten, wenn die Menschen sich zum Schlafen ins Zelt verkriechen. Denen gehorcht er unbedingt, lässt sich schlagen oder streicheln, je nachdem. Dort besuchen ihn die Pinguine, schnattern rum und kucken auf ihre Füße, während er ihnen die Welt und vor allem seine Bedeutung darin erklärt. Sie sind beschränkte Wilde, fremd und exotisch, durchaus nicht uninteressant, aber eben nicht vom Wolf hochgezüchtet.

Eigentlich zieht der Hund mit besagten Menschen durchs Eis, sie wollen zum Pol. Die weiß ausstaffierte Bühne bietet entsprechend viel Raum. Die Fahne, mit der der Abgesandte des Abendlands seine Landnahme markiert, erinnert an die Fahne eines Ritterordens. Per Definition gehört das Christentum zum Abendland wie die Primitivität zu den Bewohnern der Neuen Welt, stellvertretend für die ganze Menschheit versucht der Okzident, der Welt seine Überlegenheit zu demonstrieren. Richtung Pol heult kalter Wind, jeder Tag verkürzt den Weg nur um ein paar Kilometer, die in der Kälte und unter Entbehrungen absolviert werden. Hier herrscht das Nichts, oben ist das All, die Einsamkeit könnte kaum größer sein. Solcherart ausgeliefert bröckelt die Gewissheit um die eigene Überlegenheit, die es eigentlich hatte als selbstverständlich erscheinen lassen, dass man sich aufmacht, Entdecker zu sein.

Schon bevor das Stück beginnt, ist es mittendrin: In der einen Ecke sitzen in Fell gehüllte Figuren, in der anderen Ecke warten drei schwarz-orange Vogelköpfe darauf, ein Trio von Pinguinen in Fräcken zu bilden. Aus den Lautsprechern kommt Erläuterndes und Historisches zum Thema, die Anspielungen und Verweise enthalten Bach und Zweiten Weltkrieg, Altes Testament und Mauerfall. Entdecken verlangt freilich Vorbereitung, deren Herzstück bilden Rationalisieren und Berechnung. Ebenso wie Disziplin und Härte gegen sich selbst bringen sie den Sieg: An evolutionären Schritten können nicht alle teilhaben und wem sie zuteil werden, dem gebühren sie auch.

Ein weiterer erzählerischer Kniff ist die Frau, die natürlich historisch nicht an einer Polexpedition teilgenommen hat, im Stück aber unverzichtbar ist als das unbezähmbare Andere im Binnenraum des Abendlands. Wie die sogenannten Kulturkreise und der weiße Mann selbst kann sie vermeintlich auch nicht aus ihrer Haut, ist einerseits um ihre Reproduktionsfähigkeit beneidet, andererseits ewiges Objekt der Begierde. Nicht nur an der Peripherie der imperialen Großmächte startet die Emanzipation, auch zu Hause werden Vater und Gott in Frage gestellt, fliegt die Krone der Schöpfung zu den Sternen, während natürlich der Gedanke an Weihnachten weiterhin die Herzen wärmen kann.

Mit der dreiköpfigen Polexpedition wählt diese Inszenierung von Intendant Christoph Werner einen so klugen wie überzeugenden Zugang zu diesem unklaren Gebilde namens Abendland, das sich nie genau erklärt hat in Hinblick darauf, was es ist, aber immer wusste, wer nicht dazu- und vor allem nicht hineingehört. Wer reinwill, sieht sich Misstrauen ausgesetzt, und wer nicht passt, kommt in die Gaskammer. Aufklärung und Kunst sind dazu kein Widerspruch, die zehn Gebote werden per Militär unter die Völker gebracht.

Und eigentlich stimmt es nicht, dass die Gruppe aus drei Leuten besteht. Tragen die Spieler – die übrigens mitsamt der anderen Figuren hervorragende Arbeit leisten – während der Wanderung je eine Puppe auf dem Arm, bilden diese nicht nur die geführten Doubles, denn sie interagieren. Da streichelt ein Spieler eine Puppe, um sie zu trösten, sorgt sich eine Puppe um einen Spieler, der auf dem kalten Eis liegt und begonnen hat, wirr zu sprechen, oder es teilen sich beide eine Rolle zu verschiedenen Lebensaltern auf. Wie diese Interaktionen ist der ganze Abend andeutungs- und anspielungsreich, so dass der Schlusssatz von Stefan Rosinskis Schlussmonolog für ein paar Lacher sorgt: „Damit wissen wir mehr, als wir je verstehen werden“. Erst dann heult auch der Eiswind nicht mehr.

 

Premiere 28. Januar 2017

Stückfassung und Regie: Christoph Werner
Bühne und Kostüme: Angela Baumgart
Puppen: Lili Laube / Louise Nowitzki / Hagen Tilp
Musik: Sebastian Herzfeld
Musikalische Einstudierung mit Ensemble: Jörg Leistner
Anfertigung von Ton-Collagen: Frank Uwe Neis
Dramaturgie und Regieassistenz: Bernhild Bense
Mit: Katharina Kummer, Ivana Sajevic, Nils Dreschke, Sebastian Fortak, Lars Frank, Nico Parisius, Christian Sengewald
Foto: Falk Wenzel

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