Die aktuelle Kritik

Schaubude Berlin: "Elektra. Landing"

von Tom Mustroph

Performance wirft das Publikum in ein Wellenbad aus Begeisterung und Ernüchterung.

Eigentlich ist das Stück ja schon zu Ende, als es gerade beginnt. Denn Elektra, alter ego der Performerin Sandy Schwermer, ist, wenn das Saallicht bei Vorstellungsbeginn ausgeht, bereits gelandet. Schwermer kauert auf einer kreisrunden Scheibe, die langsam rotiert. Sie selbst bewegt sich auf der Scheibe in die entgegengesetzte Drehrichtung - und verharrt so trotz aller Rotation und Gegenrotation auf der Stelle. Rasender Stillstand, Vergeblichkeit allen Handelns und Aufbegehrens, Fruchtlosigkeit jedweder Rache - sehr viele Assoziationen erweckt dieses schöne Bewegungsbild. Noch schöner wäre es gewesen, wenn die Künstlerin etwas mehr Routine und damit Leichtigkeit ins Drehen gebracht hätte.

In diesen ersten Sekunden von "Elektra. Landing" ist man bereits im Kern der gesamten einstündigen Performance angelangt. Man bekommt eine Ahnung vom Schwermers Potential - und wird auch sogleich auf ihre Grenzen gestoßen. Einerseits kann sie eine Mädchen-, Frauen-, Feen- und Erinnyen-Gestalt sein, die in ihren besten Momenten die Hoffnung erweckt, sie könnte zu etwas wie einer Laurie Anderson der Objekttheaterszene werden. Denn das Bild der sich drehenden Frau auf der sich in Gegenrichtung drehenden Scheibe ist eindrucksvoll. Der Wald im Hintergrund - gebildet durch von der Decke hängende Stöcke, die Schwermer im weiteren Verlauf des Abends vielfältig benutzt - erzeugt eine interessante Tiefendimension.

Schwermer aber banalisiert diese grandiosen Momente durch ihre zuweilen unbeholfen wirkende Art der Körperdrehung auf der Scheibe. Auch nicht jede dramaturgische Entscheidung im Verlauf des Abends wirkt durchdacht und kohärent. Es bezaubert, wie sich ihr Körper durch die ersten Klänge von Musik belebt. Lebensklangspender ist in diesem Fall der famose, an der Zusammenarbeit mit Tom Waits und Robert Wilson geschulte Hans-Jörn Brandenburg.

Es beeindruckt auch noch, wenn Schwermer als Elektra zum wilden, ausgestoßenen Wolfskind mutiert. Dann aber kippt ihre Tiernachahmung ins Manieristische, Selbstverliebt-Kunsthandwerkliche. Kurz danach geht sie im antiken Text, der den blutenden Körper des abgeschlachteten Vaters beschreibt, regelrecht auf. Sie badet im Blut des Erzeugers und öffnet eine Tür zur Lust auf den Blutrausch - gleich, ob er selbst erzeugt oder doch selbst erlitten ist. Auf diese Höhe folgen aber wieder Abstürze. Schwermer versucht sich an den Tönen der Oper - die sie hörbar nicht kann. Sie zitiert die Sängerin Deniza Popova auf die Bühne, die all das mit den Tönen vermag, wozu Schwermer selbst nicht in der Lage ist. Popova interpretiert aber die anderen Frauengestalten (Mutter Klytaimnestra und Schwester Chrysothemis) derart brav, dass die Schwermersche Elektra aus einem ganz anderen Universum zu stammen scheint und Popovas Auftritte zur performativen Fußnote heruntergedimmt werden.

Nein, da passt so manches nicht zueinander. Auch die Ausstiege, die Schwermer sich leistet, sind oft nur musterschülerinnenhaft nach dem Performancehandbuch geplant, aber selten überraschend gesetzt.

Das enttäuscht gerade deshalb, weil der Abend Ansätze zu Großartigem hat. Er lädt, mitunter, zur Reflektion über den Sinn von Rache ein. Schwermer macht das ganz geschickt egozentrisch-postmodern, wenn sie sinniert, dass die nicht vergeben Könnende eben wegen der Weigerung der Vergebung seelische Schäden erleiden könnte. Auch einige Ideen im Umgang mit Objekten sind reizvoll. Schwermer kreiert etwa mit Hammer und Nägeln eine ganz eigene Figurenaufstellung. Diese Miniszene könnte weiter ausgearbeitet werden.

Inhaltlich kommt eine europäische Leidensperspektive durch akustische Zitate der ungarischen Philosophin und Holocaust-Überlebenden Agnes Heller ins Spiel. Heller identifiziert in einem Audiozuspiel die Gleichgültigkeit gegenüber einer erkannten Gefahr als die größte Bedrohung (in Maßen) freier Gesellschaften. Das darf man sowohl auf die NS-Zeit als auch das Erstarken der nationalistischen Rechten im aktuellen Europa beziehen.

Man folgt recht gern den zuweilen gewagten Assoziationsketten von Rache über Vergebungsverweigerung bis hin zu Gefahrensensorik - und wird dann doch wieder zurückgestoßen durch manch nicht ausgereiftes oder einfach fehlplatziertes Performance-Element.

Das Ende ist dann seltsam versöhnlich gestaltet mit Patti Smiths wunderschönem Sehnsuchtssong "Distant Fingers". Das geht ans Herz, klar, und Schwermer zeigt hier, dass sie auch musikalisch durchaus zur - wenigstens kleinen - Laurie Anderson des Objekttheaters reifen kann. Aber nur träumerische Sehnsucht nach dem verschwundenen Vater - Smith bezog sich in dem Song auf das Verhältnis zwischen Peter Reich und dessen Vater Wilhelm, dem Mitbegründer der Psychoanalyse - ist nach all den in der guten Stunde Performance angerissenen Großthemen dann doch etwas klein geraten.

Immerhin: Sandy Schwermer hat Mut zum Experiment. Sie operiert an den Schnittstellen von bildender Kunst, Objekttheater, Musik, Performance und Poesie. Und sie besitzt Ausstrahlung auf der Bühne. Ihr ist eben nur mehr Klarheit bei der Auswahl ihrer Mittel zu wünschen.

 

Premiere: 28. September

Atelier GET INTO PLAY
Idee, Performance: Sandy Schwermer
Gäste: Alexander Nieswand (Gitarre), Deniza Popova (Gesang, Klytaimnestra)
Puppen: Nora Raetsch, Sandy Schwermer, Anna Lena Straube
Musik: Moses Baxter, Hansjörn Brandenburg
Lichtdesign: Reinhard Hubert
Visuals, Foto: Silke Meyer
Movement & Structure: Ray Backes

Unterstützt von: Neue Botschaft, Schaubude Berlin
Dauer: ca. 70 Minuten

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