Die aktuelle Kritik

Cie. Freaks und Fremde im Societaetstheater Dresden: "Der Bau"

von Jessica Hölzl

Kafkas Erzählung wird zum alptraumhaften Ritt durch menschliche Ängste.

 

Verstörende Gedankenwelt

Kalte Neonröhren beleuchten das Geschehen, Bass wummert zwischen grauen Wänden. Eine halbgroße Gliederpuppe kauert auf einem Holzsteg. Vom Publikum abgewandt sitzen zwei grau kostümierte Spieler_innen auf quadratischen Hockern neben einer verschlissene Holztür, erheben wispernd ihre Stimmen und die Erzählung beginnt.

Bereits in frühen Jahren hat der Eremit diesen "Bau" erschaffen, eine Art unterirdisches Höhlenlabyrinth, in dem er Seelenfrieden zu finden hofft. In dieser menschenfeindlichen Umgebung ein friedvolles Heim zu suchen, scheint auf den ersten Blick der Gipfel an Absurdität. In warmes Licht getauchte Szenen zeichnen den Zuschauenden dagegen die ursprüngliche Utopie des Verzweifelten klar und deutlich vor Augen – und für Momente wird seine Sehnsucht zutiefst verständlich: Allein, ungestört und zufrieden, in absoluter Isolation vollkommene Ruhe finden.

Doch das Glück bleibt verwehrt. Phantasierte Bedrohungen stören das unterirdische Idyll. Zu viele Gefahren sind denkbar, die den ersehnten Frieden verhindern. Zur größten Sorge um mögliche Eindringlinge gesellen sich weitere Gründe zur Beunruhigung: Was, wenn der Sauerstoff in den Gängen knapp wird? Oder wenn die angesammelten Fleischvorräte ihren Sammler irgendwann erdrücken? Und woher stammen diese seltsamen Geräusche...?

Die wahnhaft sorgenvolle Raserei der beweglichen Stabpuppe durch ihr Erdreich hat etwas Animalisches. Während der Kopf an einen Stab unter einem Eingriff am Rücken geführt wird, lässt sich das Becken über einen schwanzähnlichen Griff am Steiß steuern. Übergroße papierene Hände und Füße erinnern an die Grabschaufeln eines Maulwurfs. Die hohe Stirn des Grüblers überragt ein kahler Kopf, aus dem durchdringend blaue Augen hervorsehen. Sein Körper erinnert an ein insekthaftes Wirbeltier. Brust und Glieder sind mit Stoff bespannt, die Rippen bilden isolierte Ringe, die mit jedem Atemzug erbeben.

Sabine Köhler und Heiki Ikkola von der Cie. Freaks und Fremde, die für Idee, Ausstattung und Performance verantwortlich sind, führen in ihrem virtuosem Spiel zu Franz Kafkas Erzählung "Der Bau" durch das (Gedanken-)Labyrinth des Protagonisten. Im wilden Wechsel von Stimmen, Musik und Klängen streiten, vermuten und widersprechen sie, bestärken, umschlingen und bedrohen sich gegenseitig. Gemeinsam steuern sie die Gänge der Puppe durch das Tunnelsystem, um im nächsten Moment selbst als Spielende den inneren Zwist der Figur in dialogischem Widerstreit auszutragen, während die Puppe als stiller Beobachter auf einem Podest an der hinteren Bühnenwand sitzt.

Die starke Körperlichkeit der Gliederpuppe wird durch Physis und Mimik der Spieler_innen verstärkt. Mit verzerrtem Gesicht und weit aufgerissenen Augen führt die Spielerin die Puppe in wahnhafter Raserei über die die Bühne, deren Kopf ein hospitalisierendes Kind erinnernd gegen die Wände des Baus schlägt und dabei dem Rhythmus der brutalen Fußschläge des zweiten Spielers folgt. Abwechselnd werden mal Puppe, mal Spieler_innen fokussiert, sodass die drei Körper zu einer Präsentationsfläche verschmelzen, auf der die inneren Konflikte der Gedankenwelt eines einzigen Gehirns umgesetzt werden.

Zwanghaft verbringt der Einsiedler seine Tage mit Bewachung und Optimierung seiner Höhle, unablässig getrieben von immer neuen Imaginationen der Gefahr. Die Natur, zunächst sehnsuchtsvolle Projektionsfläche, wird allmählich selbst zur Bedrohung. Alle Extra-Schlupfwinkel des Baus, Burgplatz wie der Fleck unter dem Moos, erweisen sich als gefährdet. Gleich welcher Existenzform sich der Fliehende anzuverwandeln sucht – weder Tierdasein noch Naturverschmelzung erlauben ihm, dem menschlichen Makel der Sorge zu entfliehen, denn "die Einbildungskraft will nicht stillstehen!"

Intensiviert wird die Darstellung durch das anschauliche Spiel mit verschiedenen Stofflichkeiten: Von der Bühnendecke rieselt Sand, die von Kunstnebel verdichtete Luft riecht und schmeckt beinahe nach Unterirdischem. Geschickt kontrastiert die Lichtführung Hautoberfläche und Puppenstoff im Abgleich mit den rauen Holzoberflächen der Bühnenelemente. Zusammen mit der basslastigen, sehr körperlichen Musik entspinnt sich ein synästetisches Erleben, welches die mangels äußerer Einflüsse übersteigerte Sensibilität des in seinem Bau isoliert lebenden Mannes erfahrbar macht.

Beeindruckend ist außerdem die Nutzung der minimalistischen Bühnenelemente. Schattenwürfe bespielen die kahlen Wände. Der Holzsteg verwandelt sich in komplexe unterirdische Gänge und die Tür wird zur Projektionsfläche, um mögliche Bedrohungsszenarien als Tatortskizzen mit Kreide aufzuzeichnen.

Am Ende steht wieder das Echo der sich ablösenden und überlagernden Erzählstimmen. Der Stillstand kostete unendliche Anstrengung. Von Anbeginn auswegslos und doch so verzweifelt um Fortkommen bemüht, dass wir als Zusehende nur allzu gern immer wieder einen Funken Hoffnung auf einen möglichen Ausweg entzünden, um schließlich festzustellen, dass sich nichts, aber auch gar nichts verändert hat. Im Rauschen der Stille bleibt Einsicht jedoch aus. Die Kausalbezüge entgleiten: "Ich verstehe plötzlich meinen ursprünglichen Plan nicht mehr. Ich irre so weit ab."

Mit dem Alter schwindet die Kraft und setzt dem Tun ein Ende. Es bleibt das Sehnen und ein verzweifeltes Lachen ob der verfahrenen Situation.

Der Hamster rennt weiter im Kafka-Rad, leise und unaufhörlich rieselt der Sand.

 

Premiere: 18. Mai 2017 (Societaetstheater Dresden)

Idee, Ausstattung, Performance: Sabine Köhler, Heiki Ikkola
Komposition, Live-Sound-Design: Daniel Williams
Lichtdesign: Josia Werth

0 Kommentare

Neuer Kommentar