Künstler / Akteure

Die vielen Leben des Hamster Damm

von Max Florian Kühlem

Was macht eigentlich Joachim Damm, der sich selbst Hamster Damm nennt? Bevor er mit seinem Projekt "Fluchtkunst" am Wettbewerb um den Fritz-Wortelmann-Preis teilnimmt, blicken wir auf das wechselvolle Leben des Berliner Künstlers, für den nicht nur Figurentheater, sondern immer auch der Begriff des Gesamtkunstwerks von Bedeutung war und ist.

 

Wer als Kind Haustiere mochte, weiß: das Leben des Hamsters ist kurz. Um seine Biographie zu verstehen, macht es deshalb vielleicht mehr Sinn, den Künstler Joachim Damm, der sich selbst "Hamster Damm" nennt, mit einer Katze zu vergleichen. Die hat bekanntlich neun Leben – und der Berliner hat in seinen 50 Lebensjahren schon mindestens drei gelebt.

Seinen Werdegang als Theaterkünstler startete er 1986 an der Kunsthochschule Berlin Weißensee. Dort studierte der 1965 in Saalfeld geborene Joachim Damm Bühnenbild und war Meisterschüler von Volker Pfüller. Weil er schon als Kind im Kammertheater Neubrandenburg mit Puppentheater sozialisiert wurde, drängte es ihn jedoch auch in diese Richtung. "Im zweiten Studienjahr war ich spielfähig", erinnert er sich. So schuf er 1988 sein erstes Figurentheater-Solo "Psychogramme einer Revolution". Weitere Solostücke folgten, die kerzengerade Biographie eines Puppenspielers schien auf den Weg gebracht.

Doch etwas drängte ihn in andere Bereiche: "Joachim Hamster Damm ist ein Künstler, den der Begriff des Gesamtkunstwerkes seit Beginn seiner bewussten Theaterarbeit verfolgt." Diesen schönen Satz hat er unter die Vita auf seiner Homepage geschrieben. Damm beschäftigte sich bald als Regisseur, Bühnenbildner und Spieler mit Sprechtheater, Wassertheater, Maschinentheater und musikalischen Arbeiten. "Für Aufführungen des Wassertheaters hatte ich einen Siebeneinhalbtonner mit zwei Wassertanks befüllt. Das Kernstück war eine Theatrum-Mundi-Maschine, auf einem Schienensystem liefen Fernseher über die Bühne." Diese Konstruktion war natürlich sehr aufwändig, es war nicht leicht, Spielorte zu finden, und manchmal schaute Hamster Damm sehnsüchtig drein, wenn die Kollegen nebenan in zwei Stunden ihre Puppenbühnen aufbauten.

Nach Schweden

Ein gutes Einkommen, das ihm sogar einen zweiten Wohnsitz in Nordschweden gestatteten, brachte ihm um die Jahrtausendwende seine Arbeit als Bühnenbildner: Joachim Damm baute Bühnen für Uwe Dag Berlin und Leander Haußmann während und nach dessen Intendanz am Schauspielhaus Bochum. Nebenher reiste er mit seinen Soloinszenierungen durch Europa und zeigte sein Wassertheater auf dem Festival Unima 2000, der Fidena oder der Expo Hannover.

Außerdem hatte er Lehraufträge für Bühnenbild an der Ernst-Busch und der Kunsthochschule Berlin Weißensee: "Die Notwendigkeit, sich Gedanken um den Raum und das Bühnenbild zu machen, wird im Figurentheater oft unterschätzt", spricht er aus Erfahrung. "In der Szene dominieren der Puppenbauer und der Ausstatter und der Hintergrund bleibt einfach schwarz, wird weggedacht."

Als es irgendwann nicht mehr ganz so rund lief, setzte Joachim Damm einen deutlichen Schnitt: Er löste seinen Haushalt in Schweden auf – jedoch nicht, ohne ein Stück schwedische Kultur mit nach Deutschland zu nehmen: "Da oben spielt sich ein wichtiger Teil des Lebens in der Sauna ab", sagt er, "da drin wird geredet, getrunken, es werden Geschäfte gemacht – und oft alles auf einmal." Kurzerhand bestückte Hamster Damm sein mobiles Bühnenfahrzeug, den Lkw, mit einer Sauna. Das Projekt "Fluchtkunst" war geboren und gastierte an Theatern, auf Festivals oder Märkten.

Sauna-Kunst

Im Mittelpunkt stehen dabei die Sauna und ein beheizbarer Pool, die umgeben sind von einer Kunstinstallation, die oft von Projektionen mit Figuren- oder Objekttheater-Elementen geprägt ist. "Das ist immer eine verrückte Sache, eine Interferenz zwischen Kunst-Installation und Öffentlichkeit", sagt Joachim Damm. Beim Weihnachtsmarkt an der Berliner Kulturbrauerei wurde "Fluchtkunst" zum Partyort, wo junge Menschen bis vier oder fünf Uhr nachts feierten und auch manche Sex im Pool hatten.

Auf einem Volksfest in der Provinz schüttelten die Leute hingegen den Kopf und trauten sich nicht so recht ran an diesen schwer einzuordnenden Zwischenort, an dem manchmal auch Auktionen abgehalten wurden – Negativ-Auktionen: "Es wurde Kunst versteigert, nur, dass man sich nicht über- sondern unterbieten musste", sagt Joachim Damm. "Wenn ein Mindestpreis unterboten wurde, ging das Kunstwerk ins Feuer... Die Frage, die dabei im Raum stand: Ab wann rettet man es?"

Ein weiteres Jahr des Einschnitts hatte mit Fluchtkunst zu tun: Bei einem Volksfest in Berlin-Hohenschönhausen 2008 stieß die mobile Kunst-Installation mit Sauna auf totale Ablehnung beim erwachsenen Publikum. "Dafür hatte ich die Bude sofort voll mit Kindern", erinnert sich Joachim Damm. Da kam ihm eine Idee: Warum nicht Kinder- und Jugendtheater machen?

Figurentheater mit Kindern

Gedacht, getan: Joachim Damm initiierte Figurentheater-Projekte, an denen Schulklassen über einen größeren Zeitraum (oft ein ganzes Schuljahr) von der Konzeption bis zum fertigen Stück mitwirkten. "Sie lernten Figurenbauen, Anatomie, die biologischen Funktionen des Knochenbaus. Ich bin damit richtig in den Unterricht gegangen." Am Ende stand dann eine Figurentheater-Produktion an der Schaubude Berlin.

Joachim Damm ist mit seinen Projekten an Schulen in Problembezirken gegangen – "und die gibt es auch, wo man sie nicht vermutet", sagt er, "zum Beispiel an den Rändern von Prenzlauer Berg." Sein wagemutigstes Projekt war, mit Grundschulkindern im Deutsch-Unterricht "Faust 2" durchzunehmen, zu eruieren, was die Schüler verstehen und was nicht und auf der Grundlage der Strichfassung einen Comic zu zeichnen. Heraus kam "Faust 2, FSK 10 – Eine Comicfassung, gezeichnet von 40 Grundschülern".

Das Sauna-Fahrzeug hat sich der Multifunktions-Künstler zwar bis heute erhalten, doch jetzt dient es meist auf Schulhöfen als beheizbare Werkstatt – zum Beispiel um direkt geführte Figuren aus Sperrholz und Styropor zu bauen. "Manche sind besser als Kunststudenten in den ersten Semestern", findet er, "und bei manchen sieht es entsprechend ruppig aus."

Stopp-Motion-Film

Mit dem jüngsten Schulprojekt seines Künstlernetzwerks "Fluchtkunst" nimmt Joachim Damm am Wettbewerb um den Fritz-Wortelmann-Preis 2015 teil: Den 25-minütigen Animationsfilm "Running" haben zwei siebte und eine zehnte Klasse in selber gebauten Bühnenräumen in Stopp-Motion-Technik erstellt, die Musik dazu komponiert und selbst eingespielt. "Das Ziel von Fluchtkunst ist die gleichberechtigte Autorenschaft aller Beteiligten", sagt Joachim Damm und ist stolz auf das Erreichte.

Trotzdem sieht er sich wieder einmal am Ende einer Lebensphase: "Irgendwann gilt man als 'ausgefördert'", sagt er. Die Institutionen verlangten dann, dass man als Künstler auf eigenen Beinen steht. Schulprojekte seien ohne finanzielle Förderung jedoch gar nicht denkbar. "Die Förderungen gehen heute nur noch in extreme Problembezirke, Begriffe wie 'Migrationstheater' oder 'Anwendungstheater' sind angesagt." Die intensive Arbeit, die er und sein Künstlernetzwerk sich mit den Schülern machen, sieht Joachim Damm kaum gewürdigt. Nachhaltig zu wirken, wie er das gerne würde, ist unter den Umständen von Kurzzeit-Förderungen unmöglich.

Was nun? In den alten Job als Bühnenbildner zurückzukehren, erscheint schwierig: "Meine alten Partner arbeiten heute mit Anderen zusammen", sagt er. "Wenn Leander Haußmann am Berliner Ensemble arbeitet, dann muss er sich auch nach Claus Peymanns Vorstellungen von den künstlerischen Mitarbeiter richten. Und in vielen Häusern arbeiten mittlerweile Studenten von mir - für die Hälfte."

Er hamstert weiter

Was Joachim Damm seinem Künstlernamen doch wieder näher bringt: Er hamstert Bühnenbilder und Puppen seiner früheren Inszenierungen. "Im Wendejahr war ich sehr aktiv", erzählt er. "Dantons Tod" hat er da zum Beispiel als Solo gespielt und vor kurzem, 25 Jahre später wieder auferstehen lassen, neu befragt. "Das funktioniert immer noch", sagt er. Vielleicht wird der neue Hamster Damm also (auch) der alte – und wieder als Ein-Mann-Figurentheater zu erleben sein.