Die aktuelle Kritik

El Cuco Projekt: "My Reputation is your Guarantee"

von Nele Beckmann

Das deutsch-chilenische Performance-Duo berührt mit einer nicht-linearen Erzählung.

 

Zu voller Größe aufgeplustert

In der neuen Produktion des deutsch-chilenischen Performance-Duos El Cuco Projekt „My Reputation is your Guarantee“, die im Kölner Off-Kulturort Barnes Crossing Premiere feierte, dreht sich alles um Fragen verdrehter Verhältnisse. Dem Verhältnis von Jäger zu Beute, Tier zu Mensch, Natur zu Technik. Die dazwischen liegenden Differenzen sind nur scheinbarer Art, denn das Eine ist stets in dem Anderen enthalten. In welchem Maß welcher Zug zu Tage tritt, bestimmen Kontext und Dimensionen. UND statt ODER lautet die Devise. In einer Philosophie des „Survival of the fittest“ ist es wichtig, gewaltig zu erscheinen, denn auch Jäger werden zu Gejagten. Schein und Sein fressen sich gegenseitig.

Das Licht geht an. In einem barocken Wohnzimmerambiente begegnen sich und dem Publikum zwei Raubtiere: Eine Wildkatze mit fokussierendem Blick, schleichendem Gang, dargestellt vom bildenden Künstler/ Tänzer Gonzalo Barahona, und ein Kookaburravogel - mit hektischen, ruckartigen Bewegungen. Unter dem fedrigen Haupt steckt die Choreographien und Tänzerin Sonia Franken. Aus den animalischen Verrenkungen der menschlichen Körper, auf denen die wirklichkeitsgetreuen Tiermasken sitzen, entfalten sich Bilder und Animationen, die wortlos wirken ohne klare Linien zu ziehen. Der Anschein von Stärke suggeriert bereits Überlegenheit. Dass mit der kindlichen Bandansage „How to survive the attack of a wild animal?“, die immer wieder reziprok zum Einsatz kommt, Zustände verkehrt werden, indem ein naives Verständnis der Stellung des Menschen zur Natur repräsentiert wird, ist eines der wenigen offensichtlicheren Elemente der tänzerischen Begegnung. "Nur der Mensch ist des Menschen Wolf." Von ihm geht eine viel realere Gefahr aus als von Wildkatzen. Sei es für die Umwelt, sei es für den Nächsten. Eine Frage lautet also: Wer bedroht hier wen? Ist das Publikum Beobachter oder Beute, auf Safari oder im Fadenkreuz?

If you die it’s also okay.

Die beachtenswerten körperliche Leistungen der Akteure äußern sich in Drohgebärden und Rückzug, auf der Pirsch und Flucht. Schön, wieviel Zeit sich hier für Alles gelassen wird. Sowohl auf der Bühne, als auch in der Konzeption. Die vorausgegangenen anatomischen Studien der Tierbewegungen hat das Duo mit Sorgfalt betrieben und in körperlicher Kreativität umgesetzt. Einen bizarren Effekt erzeugt dabei die falsch herum getragene Maske des Vogels. Faszinierend und unheimlich ist das - nicht zuletzt durch die düstere Musik und das immer wieder zum Einsatz kommende Pochen der Herzen. Etwas Pulsierendes entfaltet sich und zieht in seinen Bann. Dabei sitzt der Tod mitten unter uns. In einer sich selbst umkreisenden, diskontinuierlich loopenden Möbiusschleifenstruktur wird hier keine lineare Geschichte erzählt sondern vielmehr ein Bogen gespannt. Das Schlussbild gleicht spiegelbildlich verkehrt der Anfangssequenz. Durch multimediale Verdoppelungen, etwa der live abgefilmten und auf eine Leinwand geworfenen Kulisse, entstehen Eindrücke, die den Zuschauer letztendlich selbst zum Objekt der Betrachtung machen. Dies schafft eine verfremdende Distanz, die dennoch unmittelbar erscheint.

Insgesamt wird in dieser Inszenierung des El Cuco Projekt mehr Gebrauch von Technik gemacht als in vorausgegangenen. Nicht nur die Musik kommt diesmal vom Band, auch Telefon und Videoprojektion sind Teil des Geschehens und werden zum Zeitschleifenelement, das sich immer wieder selbst einholt. Die domestizierten Wilden haben ihre eigene Herangehensweise an diese Konfrontation mit dem vom Menschen Geschaffenen. So wird die Telefonschnur zum Gymnastikband, der Teppich zur Höhle, die Lampe zum Pendel. In diesem Auf und Ab des Lichtkegels schwingt suggestiv Kritik mit: Auch wir gehen mit der Welt um, als sei sie Spielzeug. Und spielen auf wiederum verharmlosende Weise mit der Gewalt der Technik. Der Spalt zwischen Gebrauch und Spiel wird besonders dann deutlich, wenn die auf den Boden gefallene Handkamera zuerst ein Bild der Wildtierbeobachtung bei Nacht zeichnet und schließlich zum Selfie-Videodreh benutzt wird. Auf vielfältige Weise setzen El Cuco Projekt so Kunstwerke in Bewegung - das berührt, ganz ohne zu belehren.

 

Premiere: 17. November 2017

Choreographie, Performance, Masken und Set: Sonia Franken & Gonzalo Barahona
Komposition: Javier Barahona Uribe
Dramaturgie/ Outside Eye: Carla Jordão
Voices: AnnA Franken, Ann Geraldine Franken
Produktion: Sonia Franken & Gonzalo Barahona
Gefördert von: Kulturamt Stadt Köln, Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste

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