Die aktuelle Kritik

Theater der Jungen Welt: „Der Vogel Anderswo“

von Franziska Reif

Auf poetische Weise erzählt Soubhi Shami eine Reise von Syrien nach Deutschland.

 

Faltkunst-Parabel

Als der kleine Vogel Anderswo in Leipzig eintrifft, fliegt er an der Thomaskirche vorbei. Drinnen singen die Jungs vom Thomanerchor die zuversichtlich-tröstenden Töne von Johann Sebastian Bachs Motette „Fürchte dich nicht, ich bin bei dir“. Anderswo kam in Damaskus zu seinem seltsamen Namen. Dort stand sein Käfig immer offen, sodass er frei herumflog. Die Familie, bei der er wohnte, fragte sich also öfter, wo er steckte. Dann sagten sie zueinander Sätze wie: „Gerade habe ich ihn noch gefüttert, aber jetzt ist er anderswo“. Eines Tages findet Anderswo die Wohnung leer vor, denn der Krieg hat Damaskus erreicht und die Familie musste fliehen. Also macht er sich ebenfalls auf.

Mit wenigen Mitteln lässt Puppenspieler und Schauspieler Soubhi Shami ein wandelbares Bühnenbild für diese Geschichte entstehen. Anderswo selbst wird unter den Händen des ausgebildeten Puppenbauers erst per Origami zur Figur. Aus Papier gefaltet ist auch der berlinernde Storch, der am Drahtseil über die Köpfe der Zuschauer herangeflogen kommt, und Anderswo bei der Suche nach dem Weg hilft. Ebenfalls ein Faltentier ist das Murmeltier, dem der Schnee im (natürlich papiernen) Gebirge gar nichts ausmacht – ganz im Gegensatz zu Anderswo, der zunächst gar nicht weiß, was Schnee ist.

Dass solch eine komplexe Landschaft – inklusive des Murmeltiers Wohnung – entstehen könnte, ist nicht zu ahnen, als Erzähler Soubhi Shami eingangs lediglich einen Koffer in die Bühnenmitte zieht und darauf ein bisschen perkussionistisch rumklopft. Dazu ruft er etwas in einer ausländischen Sprache – Arabisch, wie sich dem Publikum bald enthüllen wird, als es gebeten wird, sich auf Arabisch vorzustellen. Aus dem Deckel des aufgeklappten Koffers wächst die Szenerie des lebendigen Damaskus, dort verstummt sie auch später. Ein holzklotzartiger Schemel ist multifunktional einsetzbar, ob als Hocker, als Fuß einer Palme oder als Kopfkissen. Anderswo gelangt in die Wüste und rastet in einer Oase, deren Lebendigkeit samt frischem Wasser sich ebenso aus dem Koffer speist wie das winterliche Gebirge, in dem das Murmeltier zu Hause ist, das nur zu gerne seine Vorräte teilt und Überlebenstipps gibt.

Den Rest besorgen kleine Accessoires – etwa ein Kopftuch als Pars pro toto für die Frau – oder Lichtwechsel auf der Leinwand hinter der Bühne: Sehnsuchtsvoll rot leuchtet das Abendlicht, dem Anderswo entgegenfliegt, blau ist das Meer. Es scheint ein großer Spaß, darüber zu fliegen und sich vom Seewind tragen zu lassen. Schon bald jedoch erweist sich diese blaue Idylle als trügerisch. Das salzige Meerwasser bietet einem Land- und Stadtvogel nichts zu essen und es scheint kein Ende zu nehmen. Das Murmeltier hat es dunkel – bis auf die Glühwürmchen, die dort ebenfalls wohnen und für ein wenig Gemütlichkeit sorgen. Der Weg ins Tal führt durch dunkelblaues Unwetter und zuckende Blitze. Je eine bedruckte Fahne links und rechts des Koffers zeigen dem Publikum schließlich, wohin der pfeifende Wind Anderswo verschlagen hat: der Leipziger Uniturm ist zu sehen und die Thomaskirche.

Eine letzte Parabel vor der Vereinigung von Anderswo und seiner Familie aus Damaskus – die natürlich, man ahnt es, ebenfalls inzwischen in Leipzig lebt – ereignet sich im Turm der Kirche, in der Bach 27 Jahre lang mit den Thomanern zusammen Gottesdienste ausrichtete. Dort will sich Anderswo von der strapaziösen Reise erholen. Da kommt ein Mobile voll schwarzer Krähen um die Ecke, die ihm keine Erholung gönnen und ihn als „Halunken“, „Ganoven“ und „widerliches Pack“ beschimpfen. Im rechten Moment springt eine selbstbewusste Krähe dem verängstigten Anderswo bei, verjagt die anderen und ernennt ihn zur „Krähe ehrenhalber“. Ein schwarzer Scherenschnitt vor dunkel leuchtender Leinwand ist das letzte Bild dieses Puppentheaters mit dem auffällig kunstvollen Text aus der Feder von Stephan Wolf-Schönburg.

 

Premiere 11. November 2017

Schauspiel und Puppenspiel: Soubhi Shami
Regie: Stephan Wolf-Schönburg
Regiemitarbeit und -assistenz: Romy Kuhn
Dramaturgie: Jörn Kalbitz
Ausstattung: Carsten Schmidt
Kostümbildassistenz: Jennifer Knothe

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