Die aktuelle Kritik

Puppentheater Gera: "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel"

von Jessica Hölzl

Der Märchenstoff wird verwoben zu einem bunten Geflecht unkonventioneller Einfälle.

 

Das Wunder der Haselnüsse gelingt

Es war einmal ein armes Mädchen, das hatte keinen mehr, nur seine Stiefmutter und zwei Stiefschwestern, die waren böse zu ihm und behandelten es schlecht, sodass es arbeiten musste und es war tüchtig und fleißig und erhielt nie ein gutes Wort.

Und dann?

Nach einem wunderbaren Erzähleinstieg öffnet sich im Puppentheater Gera der Vorhang der offenen Guckkastenbühne. Minimalistische Bühnenelemente schaffen den Raum für die kniehohen, wunderbar beweglichen Gliederpuppen von Christian Werdin, deren Fäden mit beeindruckender Stimmenvielfalt von drei Spieler_innen geführt werden. Menschlich proportioniert und bis ins Detail liebevoll ausgestaltet, springen und tanzen die Puppen über die Bühne und laden ein zu ihrer Reise.

Gar nicht schwach, sondern ziemlich gewitzt ist das kluge Aschenbrödel, das in unbeobachteten Momenten auf ihrem galoppierenden Pferd Nikolaus flugs davonreitet, um im Wald gegen den Prinzen - ein toller Typ mit Stiefeln und Jeansweste - um die Wette zu schießen. Dem pfiffigen Mädchen stehen zwei verzogene Stiefschwestern gegenüber, von denen die eine ihre Ferse jederzeit für Leckereien, die andere ihre Zehen im Tausch gegen ein noch cooleres Outfit sofort hergeben würde. Die hochmütige Stiefmutter hält im Holzfällerhemd auf einem Traktor Einzug ins Geschehen, um sich anlässlich des königlichen Balls in eine eitle Lady in rotem Tüllkleid zu verwandeln. Kurz darauf sprengt die königliche Limousine den Guckrahmen, indem das Auto sich, einer Zieharmonika gleich, auffaltet und die Fahrgäste aussteigen lässt.

Mit Hilfe des Taubenschwarms, einem durch die Lüfte flirrenden Gewirr kleiner weißer Vögelchen an verästelten Zweigen, gelingt auch in Gera das Wunder der Haselnüsse. Der Ball am königlichen Hofe fasziniert und unterhält nicht nur durch die exquisite Tanzkunst des gelenkigen Hofmeisters, sondern versinnbildlicht zudem die im Märchen wie in der Vermittlung des Stoffes aufeinander prallenden Welten von Tradition und Moderne, verkörpert im Konflikt zwischen König und Prinz. Die Jugend siegt, streift die Vergangenheit jedoch nicht einfach ab, sondern transportiert und transformiert sie mit sich. Von zarten Klängen untermalt finden Aschenbrödel und der Prinz zueinander. Im nächsten Moment durchbricht Pop-Musik die Romantik und aus dem märchenhaften Königspaar werden zwei verknallte Teenager, die Arme und Beine ungeachtet aller Fäden und Bindungen übermütig vor Freiheit durch die Luft wirbeln.

Leise, verträumte Augenblicke lösen schrille Szenen ab, wodurch die zauberhaften Momente des Märchenhaften, wie das wundersame Herabfallen der drei Nüsse fürs Aschenbrödel, im goldenen Licht ihre Magie entfalten, um dann "ins echte Leben" hinübergetragen zu werden. Die Grenze zwischen Phantasie und Realität verschwimmt für kurz und scheint beim Verlassen des Puppentheaters nurmehr eine Frage der Perspektive.

 

Premiere: 26. November 2016

Regie: Gabriele Hänel
Spiel: Marcella von Jan, Lys Schubert, Tobias Weishaupt
Puppen: Christian Werdin

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