Die aktuelle Kritik

Figurentheater Chemnitz: Frankenstein oder der moderne Mensch

von Jenny Zichner

Mit einer Uraufführung in die neue Spielzeit – das muss kein Auftakt nach Maß sein.

 

Virtuelle Monster

Der Sündenfall ist ein Smartphone, gefunden in einem Baum mitten auf der Bühne. Bis dahin war Claudia Acker noch Adam mit einem Six-Pack-Pullover, und Tobias Eisenkrämer war Eva mit umgeschnallten Plastikbrüsten. Doch kaum ist dank Mitspielerin Mona Krueger die digitale Welt geöffnet, ziehen sie die Cowboystiefel und High Heels an, um einen Laborversuch mit verschiedenen Identitäten zu unternehmen.

Dem Programmheft zufolge soll dabei Mary Shelleys „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ als Leitfaden dienen. Nur dass es eher um virtuelle Monster geht, um ein digitales Alter Ego, die selbstoptimierte Variante des eigenen Ichs, die sich langsam verselbständigt und nicht mehr zu bändigen ist. Schöner Ansatz, der nur leider nicht durchgespielt wird.

Stattdessen werden die Akteure zu Marionetten einer sprunghaften Regie. Denn Nis Søgaard erzählt weder stringent noch nachvollziehbar. Immer wieder verliert sich das Geschehen in absurden Konstellationen, die zwar durchaus Esprit haben, auch mal kritisch hinterfragen, schlagfertig draufhauen oder komisch überhöhen, aber die Zuschauer zugleich regelmäßig aus dem Kosmos werfen.

Gerade noch im Paradies, steigen die Spieler aus der Rolle und erzählen die kolportierte Entstehungsgeschichte des Frankenstein-Romans, also vom verregneten Sommer 1816 am Genfer See, wo Mary Shelley und den anderen nichts weiter übrig blieb, als Gruselgeschichten zu erfinden. Es folgt dann im Stakkato noch die krude Handlung von der Erschaffung eines künstlichen Wesens, über dessen mörderische Kraft und den Schrei nach Liebe, bis hin zu Schuld und Fieber seines Schöpfers. Dann geht das wilde Zerpflücken der Vorlage los, für das die drei Spieler ihre Smartphones auf Ständer montieren, mit ihnen Videos auf den Horizont projizieren und nach und nach den Baum zerlegen. Übrigens eine herrlich einfache und praktische Versuchsanordnung von Ausstatterin Jana Barthel. Aber zugleich auch genug Freiraum für Exkurse ins gedankliche Nirgendwo. Wobei sich auch die Frage stellt, wo in dieser Inszenierung die Figurentheater-Produktion ist. Zumal die schauspielerischen Mittel denn auch begrenzt sind.

Kurzum: Das Monstrum, das die Menschheit gerade im Digitalen gebiert, es entsteht auf der Bühne einfach nicht. Allenfalls in Andeutungen wird die Ambivalenz verhandelt, die der technische Fortschritt mit sich bringt, das zwiespältige Verhältnis von Realität und virtueller Wahrheit, die Gefahr des Identitätsverlustes. So verliert sich die Inszenierung letztlich in Versatzstücken und amüsanten Spielchen wie etwa beim täglichen Workout für den optimalen BMI oder dem Kombinieren von digitalen Mündern und Augen zum „idealen“ Gesicht oder dem beiläufigen Mord im Spielmodus. Könnte womöglich Follower auf Youtube bringen, aber nicht unbedingt Zuschauer ins Theater.

 

Premiere: 16. September 2017

Regie/Bühnenfassung: Nis Søgaard
Ausstattung: Jana Barthel
Dramaturgie: Friederike Spindler
Es spielen: Claudia Acker, Mona Krueger, Tobias Eisenkrämer

Foto: Dieter Wuschanksi

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