Künstler / Akteure

Frei und unabhängig: Handmaids Berlin

von Max Florian Kühlem

Manchmal kann es unabsehbare Folgen haben, wenn man sich in der Uni nebeneinander setzt: Aus den Figurentheater-Studentinnen Sabine Mittelhammer, Ulrike Langenbein und Astrid Kjær Jensen wurde so die Gruppe Handmaids.

 

Wenn Sabine Mittelhammer mit ihrem Solo „Best of Mata Hari“ auf der Bühne steht, dann verschmilzt sie mit ihrer Rolle – weit mehr als Spieler auf Theaterbühnen das sonst tun. Beide – Mata Hari und Sabine Mittelhammer – eint nämlich eine bestimmte Haltung zu Kunst und Leben: Der Wille zu Freiheit und Unabhängigkeit. Anders als die Einzelkämpferin Mata Hari, die sich auch als Spionin verdingte, hat Sabine Mittelhammer allerdings einen Halt in der unsicheren Welt der freien Kunst: Handmaids Berlin, eine Gruppe Gleichgesinnter.

Manchmal kann es unabsehbare Folgen haben, wenn man sich in der Uni nebeneinander setzt: Sabine Mittelhammer und Ulrike Langenbein haben es zum Anfang ihres Studiums des zeitgenössischen Puppenspiels an der Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin getan. „Das war im Jahr 2007 und wie ich fand ein sehr schöner Jahrgang mit vielen Kommilitonen aus dem Ausland“, erinnert sich Ulrike Langenbein. Eine dieser internationalen Kommilitoninnen war Astrid Kjær Jensen aus Kopenhagen. Weil die Figurentheater-Szene in Dänemark sehr klein ist und man diese Kunstform dort nicht studieren kann, kam sie nach Berlin.

Gutes Team

Astrid, Ulrike und Sabine – diese drei funktionierten gut als Team. „Wir haben gleich gemerkt, wir wollen ähnliche Sachen“, sagt Sabine Mittelhammer. „Man spürt, ob man mit jemandem gern arbeitet, ob man sich dabei frei fühlt und ehrlich sein kann, den gleichen Humor hat, ihm einfach vertraut.“

Während Ulrike Langenbein und Sabine Mittelhammer die Geschichte ihres Kennenlernens erzählen, sitzen sie in einem weiten Werkstatt,- Probe- und Atelierraum unweit des Postdamer Platzes in Berlin. Hier bauen sie Figuren und Bühnenbilder, wälzen Texte, entwickeln Stücke. Sie hatten unglaubliches Glück, diese Immobilie in einer Seitenstraße der Hauptstadt, die gerade in allen Ecken durchgentrifiziert wird, für einen erschwinglichen Preis zu finden.

Zusammen mit Astrid Kjær Jensen, die zur Zeit des Besuchs auf Tour ist, betreiben sie hier das Hauptquartier ihrer Gruppe, die sie Handmaids genannt haben. Ein Name, der auch international funktionieren sollte, mit den Wörtern „handmade“, also handgemacht, und „maid“ spielt, also „Dienerin“. „Astrid hat den Namen erfunden“, erzählt Sabine Mittelhammer, „und er war sofort gekauft. Ich finde, das ist ein schönes Bild, dass man den Dingen auf der Bühne dient. Es macht einen guten Puppenspieler aus, dass er dem Objekt oder der Puppe dient. Eine andere Grundvoraussetzung ist: ihr zu vertrauen.“

Man kommt mit Nichts

Dass sie gut zueinander passen, merkten die drei Puppenspielerinnen im Studium auch daran, dass sie sich in der Lehre eines ganz bestimmten Professors aufgehoben fühlten: des Regisseurs Horst Hawemann. „Er hat uns mit seinem Grundlagenseminar Schauspiel sehr geprägt“, sagt Ulrike Langenbein, „sein Motto war: Man kommt mit Nichts und geht mit Nichts – und dazwischen hat man ganz viel gelernt.“

Kollegin Sabine Mittelhammer erinnert sich: „Manchmal lief er durch die Reihe und erwischte einen, wenn man gerade ganz leer war. Das ist eine tolle Ausgangslange, um eine Idee für ein Stück zu entwickeln. Sie kann aus nur einer Geste bestehen, einem Wort, einem bestimmten Gang…“

Harmlos und brutal

Wie sehr sich die drei in ihrer Unterschiedlichkeit schätzen, sie als befruchtend empfinden, spürt man, wenn sie sich gegenseitig sehr liebevoll und aufmerksam beschreiben. So sagen Sabine Mittelhammer und Ulrike Langenbein über Astrid Kjær Jensen: „Sie arbeitet sehr instinktiv. Sie sieht so harmlos aus, jung und sanft. Doch genau das bricht sie gerne und dann tun sich Abgründe auf: Dann steht sie zum Beispiel mit einem hübschen Rüschenkleid auf der Bühne und spielt eine sehr brutale Szene, in der ein Fuchs ein kleines Mädchen frisst…“

Sabine Mittelhammer über Ulrike Langenbein: „Ich glaube, es geht ihr sehr um die Ästhetik einer Szene. Sie ist sehr angefixt von der Form. Sie will ein Bild herstellen und etwas hineinstellen.“

Ulrike Langenbein über Sabine Mittelhammer: „Sabine ist sehr strukturiert und professionell. Sie hat mit ihren Solo-Stücken ein hartes Tour-Leben kennen gelernt. Ich empfinde ihre Arbeiten als sehr sinnlich. ‚Salome‘ zum Beispiel ist eine sehr persönliche und deshalb sehr bewegende Arbeit.“ Sabine Mittelhammer ergänzt: „Das ist meine Rechtfertigung dafür, warum ich frei arbeite: Damit ich Themen und Herangehensweisen selbst setzen kann.“

Auch mal allein

Bereits im Studium haben die beiden angehenden Figurenspielerinnen eine gemeinsame Arbeit gemacht: „Trial & Error“ handelt von der Liebe in der U-Bahn, Regie führte Astrid Griesbach. Im Repertoire auf der Webseite der Handmaids ist es immer noch aufgeführt, denn nicht in allen Inszenierungen spielen auch alle drei Mitglieder mit.

Das Spektrum, das die Handmaids bedienen ist groß: von Handpuppen über Klappmaul- und Tischpuppen bis zu raumgreifenden Figuren, die zu dritt geführt werden. „Die Möglichkeit, die sich durch die unterschiedlichen Formen ergeben, sind für uns spannend“, sagt Ulrike Langenbein, die im „Studio Langenbein“ Inszenierungen ausstattet: „Die klassische Puppe gibt es für mich gar nicht. Manchmal reicht ein Kopf, um eine Geschichte zu erzählen.“ Und Sabine Mittelhammer ergänzt: „Man muss jedes Mal neu überlegen: Was braucht eine Szene. Manchmal reicht schon ein Schuh.“

Internationales Tourneetheater

Und haben sie den passenden Schuh einmal gefunden, gehen die Spielerinnen mit ihm auf Reisen – die Handmaids verstehen sich als Tourneetheater. Für die Zukunft planen sie mehr länderübergreifende Arbeit zwischen Deutschland, Dänemark und ganz aktuell auch Frankreich. Sie stehen also vor der Herausforderung, ihre Arbeit internationaler zu gestalten und es gibt Überlegungen, die kommenden Stücke auch in allen drei Ländern zu produzieren und anzubieten. „Eine Arbeit über die Grenzen hinaus, sehen wir als Chance, das künstlerische Profil der Kompanie weiterzuentwickeln“, sagt Ulrike Langenbein.

Zum künstlerischen Profil gehört, dass sich ihre Stücke hauptsächlich an Erwachsene, aber auch Jugendlicher und Kinder richten. Nichts im Angebot haben sie allerdings für unter Vierjährige. „Das liegt uns nicht“, sagen sie einstimmig. Und was ihnen nicht liegt, das muss auch nicht sein – das ist einer der positiven Effekte von Freiheit und Unabhängigkeit.

 

Hier geht es zum Eintrag von Handmaids in unserer Szene-Datenbank.