Die aktuelle Kritik

Puppentheater Gera: "Irgendwie anders"

von Jessica Hölzl

Die erste Inszenierung der Nachwuchs-Stipendiatin Kai Anne Schuhmacher ist schön verspielt.

 

Seriös ist langweilig

So ein schönes buntes Bild hat er für das Büro des Bürgermeisters gemalt – und jetzt? Soll er alles wieder weiß überpinseln. Zu verspielt. Nicht seriös genug. Pah. Aufgebracht wendet sich der Maler, Farbsprenkel auf Kleidung und Wangen, seinem Publikum zu, das an diesem Samstagnachmittag auf den Bänken im Eingangsfoyer des Puppentheaters Gera Platz genommen hat. "Wisst ihr, was seriös ist?" - "Nein!" rufen dreißig Kindermünder aufgeregt. "Seriös ist – irgendwie ernst, langweilig, spießig!"

Was folgt, ist ganz und gar nicht langweilig. Die erste der insgesamt drei Inszenierungen von Kai Anne Schuhmacher, Stipendiatin der Theater-Stifung zur Nachwuchsförderung Gera, lebt von ebenso einfachen wie wirkungsvollen Mitteln, welche dem kleinen und großen Publikum das Bühnengeschehen ganz nahe bringen. Mittels einer Loop-Station entwickelt sich das gemurmelte "Grau grau grau" zu einem bedrückenden Soundteppich aus Stimmen. Gegen die Spießigkeit rebellierend fliegen Tuben und Dosen durch den Raum, Farbe spritzt in alle Richtungen, bis die weißen Kulissenwände bunte Flächen geworden sind. Und plötzlich erwachen die Gegenstände im Atelier zum Leben.

Ein Lappen beginnt zu tanzen, steckt sein Köpfchen in den Farbtopf und beginnt zu malen. Seine Bewegung belebt den Pinsel, die Malerwalze verfolgt die tanzenden Objekte als kläffendes Pelzknäuel. Ein Farbeimer wiehert auf und galoppiert über den Tapeziertisch. Virtuos spielt Tobias Weishaupt mit den Gegenständen, schafft aus einem Lumpen erst ein Vögelchen und lässt ihn im nächsten Augenblick zum Tintenfisch werden. Singend und tanzend mischen sich die Stimmen der Dinge unter den eintönigen Sound von Grau und erzeugen einen fröhlichen Loop.

Inmitten dieser Lebendigkeit wird der Spieler zum Erzähler. Die Geschichte vom bunten Völkchen spielt in einem schönen Tal, mit einigen Pinselstrichen auf die Leinwände skizziert, der Erzähler malt eine gelbe Sonne dazu und lässt mit Hilfe einer blauen Sprühdose den feinen Wind darüber wehen. In diesem Idyll leben in die kleinen Wesen einträchtig in Frieden und Harmonie zusammen, bis eines Tages ein Fremder auftaucht.

All die Jahre lebte "Er oder sie, nein, vielleicht Es?" von der Gesellschaft abgeschottet auf seinem hohen Berg, einer Malerleiter, bis Es durch Zufall ins Tal gelangt. Doch gleich wie sehr die kleine Plüschpuppe mit den Pinselohren und dem seltsamen Bürstenschnabel sich anstrengt, um Teil der Gemeinschaft zu werden, die Objekte des bunten Völkchens wollen Es nicht bei sich haben: "Du gehörst nicht hierher. Du bist irgendwie anders."

Das zeigt nicht nur sein Äußeres, auch seine Sprache ist ganz anders als die der Gruppe. Zwar übersetzt der Erzähler zwischen Es und den Anderen, doch das Lachen der Gruppe tönt auch ohne Erklärung bitter und hämisch. Als der Neue, voll verzweifelter Hoffnung, doch irgendwie Anschluss zu finden, gar in die landschaftliche Gestaltung des Tals eingreift und eine grüne Wiese auf die Leinwand zu malen wagt, zieht die Walze, begleitet von verächtlichen Geräuschen eine "Grenze: Wir hier – du dort."

Traurig und einsam wieder zurück auf seinem Berg, wird Es von Alpträumen geplagt. Geflutet von blauem Licht und geblendet von den Spiegelungen einer Diskokugel strömen die geloopten Stimmen bedrohlich auf Es ein: "Du bist nicht wie wir. Du gehörst nicht hierher. Du bist irgendwie anders..."

Die vergiftende Wirkung von Ablehnung und Ausstoßung entfaltet sich, als eines Tages ein Fremder in Es' Welt eindringt: Dideldi, ein seltsames kleines Vögelchen, taucht unbedarft und fröhlich in seiner Leiterhütte auf. Es reagiert mit Unwillen, wiederholt die Sätze, die Es selbst so tief verletzt haben – bis Es schließlich merkt, dass dieser Weg vielleicht der einfachste, doch auch der einsamste ist.

Zum Glück gibt es ein "Tut mir leid", ein "Ich habs nicht so gemeint" und auch ein "Ist schon okay" - wie auch immer sich dies artikuliert. "Dideldi" zwitschert das Vögelchen, "Dödeldö" erwidert Es und das fühlt sich an wie verstehen. Die neuen Freunde kuscheln sich unter dem Leiterdach aneinander und wenn Besuch aus dem Tal vorbeikommt, so rücken sie eben ein Stück zusammen.

 

Premiere. 4. November 2017

Inszenierung: Kai Anne Schuhmacher
Puppen, Bühne, Kostüme: Lutz Großmann
Dramaturgie: Svea Haugwitz
Spiel: Tobias Weishaupt
Fotos: Sabina Sabovic

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