Die aktuelle Kritik

Lindenfels Westflügel: "Neon Palace"

von Franziska Reif

Stundenweise öffnete ein Club für Rollenspiel und Immersion seine Pforten in Leipzig.

 

Jeder ist Akteur

„Dein Verhalten wird Konsequenzen haben“, warnt die Stimme aus dem Off, die die "auserwählten Rekruten" willkommen heißt, wie die Besucher des „Neon Palace“ genannt werden. Eine bunte Pille markiert den Übergang von der Welt draußen in die Welt drinnen. Eine dieser Welten ist, so lautet die Behauptung, Illusion, die andere dagegen Realität. Was die genaue Zuordnung betrifft, kann man im Laufe des Abends, während der immersiven „Nightclub Exploration“, schon mal durcheinander kommen. Beim Eintreten jedenfalls finden die Rekruten Nebel vor und werden von auffällig bis bunt gewandeten Ensemblemitgliedern umschwirrt, die – wie sich bald herausstellt – auf verschiedenen Hierarchiestufen die Welt des Neon Palace repräsentieren. Als Teil der Einladung wurde den Besuchern dieses sich über fast den gesamten Lindenfels Westflügel ersteckenden Live-Rollenspiels nahegelegt, sich extravagant zu kleiden. Dem sind die meisten nachgekommen, sodass sich Glitzer und Fächer, Hüte und Korsetts durch die umdekorierten Etagen bewegen: Es finden sich abgeteilte Räume, Projektionen, Lichterketten, Neongestein oder futuristisch bestückte Aquarien – futuristisch in der Semantik jener Zeit, als man sich noch ausfantasierte, wie die Welt wohl im Jahr 2000 aussieht. Das hier soll jedoch das 24. Jahrhundert sein, DJs sorgen für elektronische Musik und sphärisches Wabern, neongrünes Licht kegelt durch das Halbdunkel.

Wofür genau die Besucher rekrutiert sind, erschließt sich nicht direkt. Das hindert die Auserwählten nicht daran, im Chor die eingangs einstudierten Sentenzen zu brüllen, sobald ein Adlatus der Macht sie dazu auffordert: „Life is neon, neon is life, we are neon“. Klar ist zunächst nur, dass es ein komplexes Rätsel zu lösen gilt. Zur Bewältigung dieser Aufgabe sind Punkte zu sammeln, deren Vorteil ebenso wenig ausbuchstabiert wird wie der Sinn der Lösung. Sie hängt unter anderem mit einer geradezu pantheistisch konzeptualisierten Cyberplant, einer Festplatte und verloren gegangenen Codes zusammen.

Einige Rekruten stürzen sich so ehrgeizig in die Punktejagd, dass sie wohl auch ihre Großmutter verkaufen würden. Die Zuteilung der Punkte erfolgt – wenig überraschend – willkürlich und unterläuft auch mal soeben getroffene Vereinbarungen. Nicht wenige der Charaktere erzählen, gerne ungefragt und gerne über die anderen. Herauszufinden, wer Recht behält, könnte zur Lösung führen. Vielleicht aber werden die Intrigen auch nur gesponnen, wird das Dickicht aus Widersprüchen nur etabliert, um davon abzuhalten. „Das Wasser ist vergiftet“, flüstert eine. Klar, die spinnt. Aber spinnt auch die Schmeichlerin? Sind die Widersprüche Zufälle, entstanden im Eifer des Gefechts? „Hier gibt es keine Zeit“, sagen die einen. Woanders heißt es: „Die Zeit rennt.“ Und mit „In zwanzig Minuten!“ wird schließlich die Metaebene erklommen, die es braucht, um sich mit anderen Besuchern über die nächsten Schritte auszutauschen. Ist es Zufall, dass überall dieselbe Quersumme auftaucht? Wen kann man fragen?

Wie bei jedem Rollenspiel entfällt das Rätsel auf Teilrätsel. Bevor sich in Erfahrung bringen lässt, was man mit diesem Zettel mit Zahlen darauf anstellt, muss man noch ein Gespräch mit dem Medium führen, zur Massage gehen oder der Pflanze auf dem Kopf rumklettern, es wird Farbe im Gesicht oder auf den Fingernägeln verteilt, eine Art Vakuumpumpe in Anschlag gebracht und danach hält man eine Phiole in der Hand, die Flüssigkeit darin selbstverständlich neonfarben, und wartet. Damit wäre denn auch ein Problem genannt: Zwischenzeitlich wagen sich die Rekruten nicht von der Stelle, verlieren dann die Geduld und probieren etwas anderes, bis sie dort wiederum in einer Schleife landen und erneut nicht wissen, wie sie die Aufforderung zum Mitmachen umsetzen können. Zur Überbrückung tut es vielleicht ein wenig Engtanz im Schwarzlicht.

„Ich weiß nicht, ob ich eine Rolle spiele oder ob ich besoffen bin“, konstatiert ein Rekrut, der sich mit Unterstützung der Bar durch die Nacht tragen lässt. Dabei gerät er keineswegs zum bloßen Zuschauer in der Ecke. Jeder ist hier irgendwie involvierter Akteur, und wenn er nur grinsend zur Musik wippt oder versucht, die Schaukel zu besetzen. Freilich finden so die Möglichkeiten, das Geschehen zu verändern, ihre Grenzen. Nachdem sich die Distanz trotz Interaktion stellenweise doch als recht hartnäckig erweist, ist vielleicht da der Spaß am größten, wo der Widerstand am kleinsten ist.

 

Premiere: 20. Juli 2017

Neon Palace 네온 궁전 – A Nightclub Exploration. Von Jonas Klinkenberg und Stefan Wenzel
Mit: Winnie Luzie Burz, Johannes Treß, Samira Lehmann, Stefan Wenzel, Franziska Merkel, Matthias Schiffner u.a.

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