Die aktuelle Kritik

El Cuco Projekt: "Acts of Politeness"

von Nele Beckmann

Das Künstler-Duo begibt sich auf ein Terrain zwischen Balztanz und Überlebenskampf.

 

Unter der Oberfläche liegen die Masken

Zwischen Balztanz und Überlebenskampf: Das Performance-Duo El Cuco präsentierte dieses Wochenende im Barnes Crossing eine Mischung aus Maskenspiel und zeitgenössischem Tanz, Bewegungskunst und Gesellschaftsstudie. In "Acts of Politeness" begegnen sich zwei Mensch-Tier-Figuren, nähern sich - wie geleitet von ihren natürlichen Trieben - an, agieren dabei im Rahmen westlicher Umgangsformen und legen so unsere animalischen Ursprünge in einer bis aufs höchste konventionalisierten Welt offen. So arbeiten sie an gleich mehreren Knotenpunkten - denen von bildender Kunst und Tanz und von Instinkt und Institution.

Eine leere Straße liegt vor uns. Der KookaBurra Vogel, Nationalvogel Australiens, vollführt Flugversuche, während in der Dunkelheit die Augen einer Wildkatze aufleuchten. Bald wird das Publikum feststellen, dass es sich um einen Kater handelt und das Anpirschen zur Jagd ein erster Schritt in der Partnersuche ist. Ganz natürlich entwickeln sich hier Spannungen zwischen Mann und Frau, Zivilisation und Natur, Vogel und Katze. Wird es zum Kampf kommen? Wie können sich natürliche Feinde auf einer menschlichen Ebene begegnen? Diesen und anderen Fragen gehen die Performer in ihrer eigenwilligen Choreografie nach.

Täuschend echt sind ihre Masken gestaltet. Sie wurden vom El Cuco Projekt - das sind die Tanzdramaturgin und Tanzwissenschaftlerin Sonia Franken und der bildende Künstler Gonzalo Barahona - selbst gebaut. Mit der gleichen Präzision, wie sie die Bewegungen der Tiere studierten, gingen den Entwürfen zahlreiche anatomische Studien voraus. Heiß muss es unter diesen Kunstwerken sein. Und nahezu blind läuft die Performance ab. Nur durch zwei kleine Schlitze können die Darsteller Distanzen abschätzen und sich im Raum orientieren.

So wird im ästhetischen Spiel das Paarungsritual ad absurdum geführt. Man lernt sich bei einer Tasse Tee kennen, bemüht sich um die richtige Etikette, sucht Zustimmung im Gespräch, orientiert sich dabei immer am Gegenüber, balzt, spielt, tanzt, provoziert und kokettiert. Alles dargestellt durch instinktive tierische Bewegungen während auf den menschlichen Körpern  die naturalistischen Tiermasken wackeln. Auf diese Weise werden Optik und Zustände verdreht, Gegensätze aufgezeigt, um sie zu vereinen. Das ist manchmal sehr komisch, manchmal wirkt es bedrohlich und immer grotesk.

Die Darsteller agieren in Zwischenräumen und wohnen mehreren Zuständen gleichzeitig inne. Sind Mensch, sind Tier, Rivalen und Freunde, bringen sich in Wallungen und gegenseitig zurück auf den Boden.

Alles hier ist "selfmade". Die Geräusche, die nicht direkt auf der Bühne produziert werden (wie quietschende Schuhe, die zu Vogelgesang werden oder das Auf und Ab eines Reisverschlusses, welches das Schnurren des Katers imitiert), wurden von Gonzalos Bruder mit einer chilenischen Marschkapelle aufgenommen. Das Licht ist präzise eingesetzt, der Ton gut abgemischt. Nichts wirkt überladen, alles hat seinen Platz. Ein spärliches Bühnenbild lässt viel Freiraum für Tanz und Kreativität.

Was man aus diesem Abend mitnehmen kann? Sowohl Erkenntnis als auch Verwirrung. Als menschlich lassen sich nur jene Verhaltensweisen wahrnehmen, die kulturellen Codes folgen und das Tier in uns müssen wir nicht wecken, es ist immer präsent.

Außerdem: Die Kölner Off-Location Barnes Crossing mit Künstler-Ateliers und Café ist äußert charmant und lohnt einen Besuch!

 

Premiere: 24. Juni 2016

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