Die aktuelle Kritik

Wunsch & Goldfarb: "Birds On Strings"

von Dorothea Krimm

Wenn Figuren, Spiel und Musik zu einem verzauberten Ganzen verschmelzen.

 

Die vergänglichste aller Künste

Von Vittorio Podrecca, einem der frühen international bekannten Puppenspieler des 20. Jahrhunderts, ist die Behauptung überliefert: „Marionetten sind aus demselben Stoff wie die Musik gemacht... Auch weil sie von Fäden geführt werden, ähnlich den klingenden Saiten, sind sie gewissermaßen Musikinstrumente, von Musik durchwoben, von melodischer und symphonischer Substanz.“ Aber nicht nur die Marionetten an ihren Saiten-Fäden, sondern jede Figur geht mit Musik eine Art Verwandlung ein. Die Musik kann die Animation auf erstaunliche Weise beeinflussen. Das Figurentheater Rosenfisch in Aachen bezieht Musik häufig als Protagonistin in seine Inszenierungen ein. Im Titel der Neuproduktion „Birds on strings“ ist die Verbindung zwischen den Figuren, hier Vögeln, und der Musik schon angelegt: „strings“ für Marionettenfäden/Saiten/Streichinstrumente; und der Abend bedient als „Suite“ eine musikalische Formtradition.

In abwechslungsreicher Reihung folgen zwölf „Sätze“, Episoden, Momente oder vordergründig „informative“, tatsächlich aber sehr poetische Beiträge aufeinander, die jeweils eine Vogelfigur vorstellen. Die Bühne ist in jeder Hinsicht sparsam: Graue und schwarze Flächen als Hintergrund und Bühnenboden, darauf einige ebenfalls graue Würfel und Quader, die später unterschiedliche Spielhöhen ermöglichen. Die Cellistin sitzt ebenfalls auf der Bühne, auch sie dunkel-schlicht gekleidet, so dass der Fokus auf den vielfarbigen Vogelfiguren und dem Cellospiel liegt. Die Cellistin entwirft mit ihrem Instrument und ihrer Stimme für jeden dieser Momente einen neuen Klang-Raum, der aus eigenen Improvisationen, aber auch Ausschnitten einer Bach-Suite oder Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ bestehen kann.

Die Vögel bewegen sich in diesen Räumen, reagieren auf die Musik, treten in Dialog mit ihr und mit dem Instrument, das der Reiher sogar mit seinem Schnabel zupft. Ein musikalischer Höhepunkt ist Henry Purcells Dido-Klage, „gesungen“ von einem harpyienhaften Falken (alias Stephan Wunsch im Falsett), der das begleitende Cello mit strengen Blicken zur Raison ruft, wenn es zu sehr in den Vordergrund tritt. Claire Goldfarb und Stephan Wunsch loten mit wunderbarer Phantasie und zarter Ironie die Berührungspunkte und Kommunikationsmöglichkeiten aus, die zwischen Vogel und Musikinstrument entstehen können.

Stephan Wunschs Vögel, Früchte einer mehrjährigen Auseinandersetzung mit dem Thema, sind in ihrer Vielfalt, Einzigartigkeit, Exzentrizität und schwebenden Eleganz sehr beeindruckend. Helmkasuar und Birkhuhn, Alk, Falke und Fischreiher sind jeder einzeln in spezifischen Eigenschaften „erarbeitet“ – Tiere, die „ihr Gebautsein offen zur Schau tragen“, wie es im Programmheft heißt. Bis zu den Spielkreuzen hin sind sie individuell gestaltet, wobei die Grenzen zur Phantasie offen sind: Der „Strandgutvogel“ etwa, eine Figur aus Schwemmholzstücken, Muscheln u.ä., läuft die erste Hälfte des Abends auf der Suche nach seinem abhanden gekommenen Kopf herum.

Fragilität und Vergänglichkeit sind die großen Themen der Produktion „Birds on strings“. Wenn der Archaeopteryx zu Beginn seiner Versteinerung entsteigt und alsbald zugrunde gehen muss, der „große Alk“, ähnlich skelettartig gestaltet, statt Spielkreuz zwei archaische Krücken hat, wenn der Falke seine eigene Grablege besingt („When I am laid in earth“) und ganz am Ende Otto Lilienthal mit seinen zerbrechlichen Behelfsflügeln in den Tod stürzt (natürlich auf die „Grab“-Platte des Archaeopteryx), dann wird dem Zuschauer deutlich, wie ephemer und letztlich gefährdet nicht nur die Vögel, sondern auch die Musik, die vergänglichste aller Künste, aber auch das Theaterspiel und das menschliche Beginnen überhaupt sind. Fazit: ein tiefgründiges und wunderschönes musikalisches Figurentheater.

 

Premiere: 19. August 2017 (Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen)

Produktion des Theaters Rosenfisch
Cello und Stimme: Claire Goldfarb
Figurenbau und –spiel: Stephan Wunsch
Œil extérieur: Annalisa Derossi
Kostüm: Petra Kather
Bühnenbild: Céline Leuchter
Gesamtkonzeption: Stephan und Vera Wunsch

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