Die aktuelle Kritik

Theater der Jungen Welt Leipzig: „Nosferatu“

von Franziska Reif

Im Gemäuer der Moritzbastei führt das TdJW die Adaption einer Adaption von „Dracula“ auf.

 

Lustspiel mit Grusel

Die Moritzbastei entstand Mitte des 16. Jahrhunderts als Bastion der Leipziger Stadtbefestigung. Nach ihrer Zerstörung lagen ihre trutzigen Mauern lange verschüttet. Wer heute das erste Mal in das Kulturzentrum kommt, fürchtet, nicht mehr herauszufinden aus den verschiedenen Kellern und Gewölben. Furcht und Schrecken sind, diese betont ungelenke Überleitung sei hier gestattet, die bestimmenden Elemente der Inszenierung des Theaters der Jungen Welt, die sich eben diese Räumlichkeiten als Kulisse gewählt hat, in denen die Besucher normalerweise tanzen und Bier trinken. Jetzt ist die Moritzbastei Ort für die Bühnenfassung von Winnie Karnofka nach „Der doppelte Vampir“ von K. Buhlert basierend auf dem Drehbuch von H. Galeen zu Murnaus Stummfilm „Nosferatu“ und B. Stokers Roman „Dracula“.

Den Zugang hinunter versperrt zunächst eine Gittertür, an der Dr. Van Helsing – der weiße Kittel lässt ihn als Arzt erkennen –, von Wissenschaft und Glauben räsoniert. Als gläubig zeigt sich sogleich Renfield, der Patient mit dem auffälligen kulinarischen Interesse für bestimmte Tierarten, der irren Blicks vorbeihuscht und einen „Meister“ auf einem „Schiff“ ankündigt. Diesen sympathischen Irren gibt Dirk Baum ebenso großartig, wie Jan Baake durch Van Helsings Anstalt führt. Mit den anderen Patienten bewohnt Renfield die unterirdischen Nischen des Gemäuers, das Publikum defiliert in Van Helsings Gefolge in einer Art Großvisite vorbei und beschaut sich die Fälle von ihrer pathologischen Seite. Es mag sein, dass die Patienten ein bisschen spinnen, Van Helsing jedenfalls, der Mann mit dem „I Herz Amsterdam“-Aufdruck auf dem T-Shirt, ist ein versierter Wissenschaftler, der hinter die Phänomene zu schauen weiß und messerscharf aus ihnen schlussfolgert. Ellen ist auffällig blass, aber sicher nicht anämisch, und die vermeintlichen Mückenstiche am Hals sind keine.

Die von Renfield angekündigte Ankunft des Meisters, dessen Fahrt per Kutsche und Schiff ins Herz des britischen Empires, ist lediglich akustisch zu vernehmen. Dank Augenklappen wurden aus den Zuschauern Zuhörer. Van Helsing schleicht währenddessen durch die Reihen und spielt ein bisschen Geisterbahn und Erschrecken. In diese Kategorie passt auch die drastisch überspitzte Darstellung des irritierend fremden, abergläubisch-katholischen Transsylvaniens durch Betty Wirtz. Für die sich aufgeklärt fühlenden Engländer des 19. Jahrhunderts waren Katholizismus wie Aberglaube auf irritierende Weise unmodern und doch faszinierend. Die Ankunft des Blutsaugers enthält eine weitere Zumutung, weil dieser nicht nur die imperialen, sondern auch die sexuellen Muster verkehrt: Frauen wie Ellen werden zu monströsen Figuren von zerstörerischer Verführungskraft – worauf sich auch Darstellerin Linda Ghandour konzentriert –, andeutungsweise ist es Dracula selbst, der ihren Verlobten Jonathan penetrieren möchte. Philipp Zemmrich als Jonathan hat neben der Dracula-Geschichte noch Leipzig-Bezüge herzustellen, was natürlich für Heiterkeit sorgt.

Inzwischen sitzt das Publikum, ist aber immer noch umgeben von kalten, düsteren Mauern. Ein Anstaltsbett ist zum Himmelbett umfunktioniert, unterstützt von Nebel und Blitzen bildet es die eigentliche Bühne, auf der sich Schreckliches ereignet, vor dem man sich freilich niemand richtig gruselt. Die Geschichte ist schließlich wohlbekannt. Dracula ist ein amorphes schwarzes Wesen, das mal alleine, mal zu viert umhergeistert. Die dafür eingesetzten Puppen von Christoph von Büren bilden Köpfe mit wallendem Gewand – schwarz, versteht sich –, versehen mit einigen Strähnen schwarzen Haars und geradezu freundlichen Gesichtern. Dieser Grusel wird durch witzige Spielereien abgefedert, zu denen ein Lacher garantierender Sprachfehler gehört, ein Gartenschlauch für die Bluttransfusion oder Skelettarme, die sich feiernd in der Luft wiegen, als wäre Disco. Im Schlussbild schließlich erfolgt mit Sonnenbrille und Gitarre der Aufruf: Break on through to the other side.

 

Premiere: 30. Mai 2017

Regie: Matthias Thieme
Bühne und Puppenbau: Christof von Büren
Kostüm: Jennifer Knothe
Dramaturgie: Jörn Kalbitz/Winnie Karnofka
Theaterpädagogik: Louisa Grote
Regieassistenz: Nastasja Gärtner
Ausstattungsassistenz: Carsten Schmidt
Inspizienz: Paul Kuhn
Koproduktion mit der Moritzbastei Leipzig

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