Die aktuelle Kritik

Waidspeicher Erfurt: "Die Liebe der kleinen Mouche"

von Tobias Prüwer

Ulrike Quade verzückt mit Paul Gallicos Erzählung und wahrer Puppentheater-Liebe.

 

Seltsamer Zauber

Gliederpuppe und Stabmarionette, Handpuppe und Schattenspielfigur: Eine weite Welt des Figurentheaters tut sich auf für Mouche und das Publikum. Gemeinsam erleben sie den Zauber des Puppentheaters. Die Zuschauer wohnen ihm obendrein mit ungewöhnlicher Blicksituation bei – die eigentlichen Puppentheater-Vorstellungen sehen sie von der Hinterbühne aus. Es ist dieses Zusammenkommen von origineller Raumsituation und verschachtelter Puppentheaterkonstellation, mit dem „Die Liebe der kleinen Mouche“ im Erfurter Waidspeicher so faszinierend ausfällt.

Schon der Stoff selbst dreht sich um die Liebe zu Puppen. Die junge Frau Mouche findet keinen Anklang am Pariser Theater und will sich in die Seine stürzen. Rettung erscheint in Form eines Wanderpuppentheaters, das Mouche aufnimmt und dank ihrer Hilfe beim Publikum neue Erfolge feiert. Die Puppen schenken Mouche ihre ganze Liebe, seltsam schroff, kalt und abwesend hingegen ist der Puppenspieler, der manchmal auch gewalttätig und übergriffig wird. Doch Mouche erträgt alle Qualen, weil die Hingabe der Puppen diese aufwiegt – bis sie ihr Herz einem Artisten schenkt.

Ihre Inszenierung hat Gastregisseurin Ulrike Quade auf mehrere Ebenen ausgeweitet. Da ist zum einen die Tiefe des Raumes: drei in der Größe abnehmende Spielfenster sind von Bühnendecke abgehängt und setzten als Bildrahmen Spielmöglichkeiten. Das letzte bildet die Bühne des Puppentheaters, wo man die Figuren nur von hinten sieht. Je nach Lichteinsatz wird das Material halbdurchsichtig, was weitere räumliche Spielgelegenheiten schafft und auch Momente des Schattentheaters gestattet. Auch das Personal ist in seiner Darstellung aufgeteilt. Mouche wird als realistische Gliederpuppe von zwei Spielerinnnen geführt, Hausmeister und Puppenspieler sind Menschen, letzter wiederum erweckt die sieben Handpuppen zum Leben, die ihre ganze Liebe Mouche schenken.

Der seltsame Zauber von Paul Gallicos Erzählung aus den 1950er-Jahren (Original: „The Seven Dolls“) bleibt nicht nur erhalten, sondern wird dadurch verstärkt. Wenn Mouche mit den Puppen flirtet und scherzt, hat das Esprit und Charme. Die Handpuppen sind eigenwillig gestaltet; der Fuchs etwas hat einen Schwanz mit Eigenleben – er ist eine eigene Puppe. Und der Spielzeugmacher kann sein Monokel ausfahren. Agieren diese Puppen im Play in the play für das imaginierte Publikum, scheinen sie alberner, lauter und haben – Kasperklatsche inklusive – einen Touch vom traditionellen Jahrmarktstheater. Auch auf dieser Ebene findet sich eine Nuancierung.

Mouche hingegen wirkt als feine Gliederpuppe extrem zerbrechlich gegenüber den menschlichen Darstellern. Das macht die Ausbrüche des Theatermachers besonders brachial und vergrößert das Rätsel seiner Liebe zu Mouche, die er nur über die Puppen ausdrücken kann.

Der Clou der eigentümlichen Geschichte geht in ihrer Figurentheateradaption vollends auf, wo die Puppen an sich immer schon Vermittler von Emotionen sind. Aufgrund ihrer Mehrbödigkeit kostet die Inszenierung aber nicht nur das genüsslich auf, sondern setzt durch geschickte Raumnutzung, charmante Details wie den lebendigen Fuchsschwanz und durchweg tolles Spiel eigene Akzente. Der Kreis der hochpoetischen 65 Minuten voller Puppentheater-Liebe schließt sich, als aus den Handpuppen das Leben entschwindet und sich der Spielerkörper aus den nun leeren Hüllen zurückzieht.

 

Premiere: 8. September 2017

Theaterfassung von Susanne Koschig und Ulrike Quade / Puppentheater ab 14 Jahre
Regie: Ulrike Quade
Bühne: Floriaan Ganzevoort und Ulrike Quade
Kostüme: Mila van Daag
Puppe Mouche: Ulrike Langenbein
Handpuppen: Florian Schmigalle
Lichtdesign: Floriaan Ganzevoort
Komposition: Strijbos & Van Rijswijk
Es spielen: Steffi König, Karoline Vogel, Heinrich Bennke, Paul Günther, Tomas Mielentz

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