Die aktuelle Kritik

Puppentheater Gera: "Jedermann"

von Jessica Hölzl

Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes in einer klugen Inszenierung.

 

Es wäre mir beinah lieber, wenn nicht Menschen dies spielen würden,
sondern große Puppen. [...] Mehr als Menschen
dürfen sie der Lust und der Verzweiflung selbst sich hingeben
und blieben schön dabei.

Hugo von Hofmannsthal

 

Am Anfang nur Worte und es war finster und die Reihen dicht gefüllt. Während der liebe Gott mit zittriger Stimme die Sünden der Menschen beklagt, hat sich sein Bote längst auf den Weg gemacht. Seine Absichten verrät ein teuflischer Prolog, der Kopf der Spielerin lugt zwischen den roten Vorhängen hervor, das Licht wirft tiefe Schatten auf ihr Gesicht.

Das seit seiner Uraufführung 1911 unter der Regie von Max Reinhardt berühmte Mysterienspiel nach Hugo von Hofmannsthal wird am Puppentheater Gera von Frank Soehnle so klug wie einfallsreich inszeniert. Mit gewitzter Miene und schlagfertiger Zunge spinnen Tod und Teufel in spannend oszillierender Rollenverquickung ihre Fäden quer über die Bühne durch das irdisch wohlfeile, aber unselige Schicksal Jedermanns.

Die übergroße Halbpuppe, bestehend aus Kopf, Obergewand und riesigen Händen, thront an einer langen Tafel im Dämmerlicht der Kerzen. Getragen von der musikalischen Gestaltung Matthias von Hintzensterns, der live auf der Bühne mit Cello und Klangschalen faszinierende und wundervoll verstörende Töne hervorbringt, entfaltet sich die Lebenswelt des bei Hans Sachs Hekastus genannten sterbenden reichen Mannes.

Ein klobiger Schädel mit grobschlächtigem Gesicht, darin ein wie quer im Wort offen stehen gebliebender Mund unter großer Nase und eng stehenden Äuglein. Die anderen Figuren erscheinen neben Jedermann als winzige Spielbälle seiner Macht. Der Kopf eines unschuldig Gefangenen senkt sich in einer Weinkiste von der Decke und klagt Jedermann als Strippenzieher an, doch der mächtige Koloss lässt sich nicht beirren. "Ich wasch in Unschuld meine Händ, als einer, der die Sach nit kennt."

Virtuos führt Spielerin Marcella von Jan sämtliche Figuren durch das Stück, belebt die verschiedenen Puppen präzise und liebevoll mit beeindruckender Fingerfertigkeit und Stimmvielfalt. Den hölzernen Kopf einer als Faustpuppe auftretenden bettelnden Nachbarin bewegt sie ebenso gekonnt wie die filigranen, drittelhohen Fadenpuppen und wechselt dabei behende zwischen den Stimmen und Dialekten. Zwischendurch leiht sie ihren Körper, burschikos mit Käppchen und Lackhosen, der Figur des pfiffigen Teufelskerls an der Seite Jedermanns, der an Fausts Mephisto erinnert.

Das letzte Hemd hat keine Taschen

Das heitere Gastmahl mit sprechenden Trinkhumpen und sächselnden Verwandten wird rasch zur alptraumhaften Schlüsselszene: Grünes Licht flutet die Bühne und isoliert den Sterbenden von der Außenwelt. Jedermann allein hört die Glocken klingen, über ihm ragt ein knochiger Kopf und umhüllt ihn in einem weißen Totenkleid. Die Tafel wandelt sich zur Wippe und wirbelt den einsamen Giganten durch den Raum. Schließlich bleibt er in der Schwebe hängen, während seine vermeintlichen Stützen nach und nach schwinden.

Das letzte Hemd hat keine Taschen - und so verlässt ihn auch der Reichtum. Die wirklich beeindruckende Personifikation des Mammon, eine Puppe aus goldenem Rad mit monströsem Kopf, winkt mit der juwelenbestückten Krallenhand, um dann hämisch lachend die Wippe herab ins Off zu rollen. Jedermanns gute Werke würden ihm gern zur Seite stehen, doch das kleine Entlein ist schwach, seine kraftlosen Bemühungen mitleiderregend.

Da hilft nur der Glaube. Durch den Raum schwebt ein rippiger Fisch mit roten Augen und bietet dem armen Sünder zu verstörenden Klängen die christliche Erlösung an. Der gestürzte Koloss kauert auf der Wippe – und bekehrt sich zu Gott.

Den Zuschauenden zeigt sich, gleich einem Jüngsten Gericht, das Panorama eines Lebens: Jedermann bäuchlings auf der Wippe, hinter ihm im kahlen Raum hängen Freunde und Verwandte an Haken von der Decke und werfen ihre Schatten auf die Bühnenwände. Der Schädel des Verurteilten senkt sich abermals wie ein schweres Mahnmal. Die guten Taten hüstelnd an seiner Seite, über ihm schwebt bedrohlich der Glaube. Der Teufel betritt das Feld, will nun endlich abrechnen – doch Gottes Gnade ist auf Jedermanns Seite. Die Verteidigungsrede des Fisches gegen die Zugriffsversuche des Teufels auf den Sünder klingt zynisch und hinterlässt mehr Unbehagen denn Seelenfrieden.

Gerettet?

Am Ende des Mysterienspiels bleibt das Jedermannsche Mysterium auch heute in Gera hochaktuell, aufwühlend, frisch - und ungelöst: "Ein schöner Fall und sonnenklar | und in der Suppe doch ein Haar!"

Mit einem Zwinkern entlässt uns der Springteufel in den Abend, nicht ohne einen letzten Seitenhieb auf die Zweifel und Untiefen, die die Inszenierung dem dichten Stoff durch das gelungene Zusammenspiel von Musik, Licht und Spiel systematisch und gründlich entlockt: "Der Stoff ist kostbar von dem Spiel, | dahinter aber liegt noch viel."

 

 

Inszenierung: Frank Soehnle

Bühne, Kostüm, Puppen: Udo Schneeweiß

Dramaturgie: Hanna Kneißler

Regie-/Ausstattungsassistenz: Robin Goller

Spiel: Marcella von Jan

Musik: Matthias von Hintzenstern

Beleuchtung: Andreas Böttger

Tontechnik: Jürgen von Jan, Maik Klammer

Bühnentechnik: Ariston Tetzner

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