Künstler / Akteure

Immer im Werden: Der Puppenbauer Christian Werdin

von Max Florian Kühlem

Eigentlich wollte Christian Werdin Schiffsbauer werden. Doch eine typisch ungerade DDR-Biographie brachte ihn ganz woanders hin: zum Puppenbau. Und das ist gut so. Werdins ständige Suche nach den perfekten Proportionen, nach Lebendigkeit und größtmöglichem Ausdruck in der Figur hat ihm einen exzellenten Ruf beschert. Ein Werkstattbesuch.

 

Nach der Probe von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ am Puppentheater Gera bittet die Regisseurin den erlauchten Zuschauerkreis nach vorne, zur Bühne: „Kommt her, schaut euch die Puppen an!“ Tatsächlich gewinnen sie bei näherer Betrachtung noch. Die Marionetten, die schlacksige, junge Leute in moderner Kleidung und mit coolem Haarstyling darstellen, haben perfekte, realistische Proportionen, filigran gearbeitete Gesichtsausdrücke, in die ein Spieler viele Emotionen legen kann, kurz: Sie haben Charakter – und sind ein gutes Beispiel für die Arbeit des legendären Puppenbauers Christian Werdin.

Werdin hat im beschaulichen Gera einen kurzen Ruhepunkt in seiner wechselvollen Biographie gefunden und ist hier seit Herbst 2015 als Puppenbauer fest engagiert. Nach der abendlichen Probe schaut er noch kurz in seiner Werkstatt vorbei. Eigentlich müsste man sagen: seinen Werkstätten. Denn wo zu DDR-Zeiten sechs Menschen in Schreinerei, Schlosserei, Schneiderei gearbeitet haben, da kann er jetzt meist alleine schalten und walten, wie er will.

„Ich habe mich besonders gefreut, dass es hier eine Schlosserei gibt“, sagt er bei einem kleinen Rundgang durch die hell erleuchteten, hohen Räume mit den großen Fenstern, durch die nur das Schwarz der Nacht zu sehen ist. „Ich hab mal Schiffsbauer gelernt und wollte das eigentlich auch in Rostock studieren.“ Doch wie vielen anderen blieb ihm damals ein gerader Karriereweg verwehrt.

Kritisches Denken

Christian Werdin stammt aus einer Pfarrersfamilie („Da habe ich kritisches Denken gelernt“) und war nicht in der FDJ. Das reichte für Zweifel an seiner Systemkonformität. Obwohl er Klassenbester war, durfte er kein technisches Fach ergreifen. „Nach Berlin zu gehen und Theologie zu studieren – das war hingegen in Ordnung.“

Genau ein Jahr hielt er es im Studium aus: „Ich hätte mich wohl dafür interessieren müssen…“ Der junge Mann besann sich stattdessen auf seine Kindheit, in der er schon Hubschrauber- und Schiffsmodelle gebaut hatte, und begann, in einer Werft zu arbeiten. Er wohnte in einer besetzten Berliner Wohnung und wurde durch eine Bekanntschaft aus dem Studium vorsichtig in Richtung Puppentheater geschubst: Peter Waschinsky, dem heute manchmal vorgeworfen wird, überkommenen Haltungen und Ästhetiken nachzuhängen, war zu dieser Zeit ein großer Erneuerer des Puppenspiels. „Er hat die Ernsthaftigkeit rein gebracht“, betont Christian Werdin, „vorher gab es vor allem sehr flache Stücke für Kinder mit großen, undifferenziert gestalteten Pappköpfen.“

Zeit mit Zinnober

Werdin mischte von da an am legendären Puppentheater Neubrandenburg mit, das unter anderem durch den Bauhaus-Stil inspiriert an klaren Formen interessiert war. Im Puppenbau waren alle seine Fähigkeiten gefordert: Die handwerklichen genauso wie die zum Querdenken. „Wir waren so eine Avantgarde“, erzählt er nicht ohne Stolz. In der Berliner Truppe „Zinnober“ fanden sich die eigentlich frei arbeitenden Erneuerer des Puppentheaters zusammen und inszenierten experimentelle Stücke mit Titeln wie „Die Jäger des verlorenen Verstandes.“

„Das war ein Versuch, das Kasper-Theater in seinem ursprünglichen Sinne wieder auferstehen zu lassen“, erinnert sich Werdin. „Die Bühne sah aus wie ein Wachhäuschen an der Mauer und ein Volkspolizist tauchte auf. Puppentheater bekam plötzlich gesellschaftspolitische Relevanz.“ Natürlich mussten die Spieler und Regisseure aufpassen, nicht allzu offen Kritik zu äußern: „Man entwickelte eine Art Geheimsprache und erreichte mit kleinen Andeutungen großes Verständnis. Die Regisseurin von ‚Aschenbrödel‘ war damals übrigens auch dabei.“

Die Visionärin

Wie von Zauberhand geleitet steht sie plötzlich im Raum: Gabriele Hänel, die in den 1980er-Jahren der Ruf einer Theater-Visionärin umwehte, und hält eine Zigarette in der Hand. Während sie vor Christian Werdins Schreinerei steht und genüsslich raucht, lässt sie sich ein paar Beschreibungen über den Puppenbauer entlocken: „Werdin, du bist immer im Werden begriffen“, sagt sie in die Richtung des Mannes mit den grauen Locken im karierten Hemd, auf dessen Nase eine Nickelbrille sitzt. „Er ist handwerklich sehr gut und immer auf der Suche“, führt sie aus. „Er stellt nicht einfach ein Produkt her und gibt es ab, sondern arbeitet immer im Prozess und im Austausch mit seinen Regisseuren oder Spielern. So hat Lebendigkeit eine Chance.“

Für Christian Werdin ist dieses prozesshafte Arbeiten selbstverständlich: „Man muss immer das Interesse daran haben, noch viel mehr aus den Figuren rauszuholen. Die Spieler sind auf das Material angewiesen. Es funktioniert nur, wenn man diese Aufgabe ernst nimmt: die richtigen Proportionen, den richtigen Schwerpunkt zu schaffen.“ Auch im aktuellen Puppentheater wird zwar gerne mit riesigen Köpfen oder sonstwie karikaturhaft verschoben-verschrobenen Figuren gearbeitet. Werdins Vorliebe bleiben allerdings die menschlichen Proportionen. „So sind die Puppen realistischer“, sagt er, „jede Geste zählt dann mehr.“

Und jeder, der schonmal ein Stück mit seinen Puppen gesehen hat, weiß: Es funktioniert tatsächlich. „Wenn sie nur den richtigen Schwerpunkt haben, dann spielen sie manchmal fast von selbst – oder tanzen. Man gibt ihnen nur einen Rhythmus und sie verselbstständigen sich.“

Nicht festgelegt

Trotzdem war und ist Christian Werdin nicht auf menschlich proportionierte Holz-Marionetten festgelegt: „Meine größte Puppe war sechseinhalb Meter lang und an einem Baukran in Bautzen befestigt. Sie stellte Gulliver als Riesen dar und neben ihm sah die Schauspielerin aus wie eine Puppe.“ In den 1980er-Jahren erfand er bereits eine direkt geführte Puppe; eine Figur, die man auf den Spieler setzt und er führt sie vor sich her - in offener Spielweise, die heute die am weitesten verbreitete ist.

Und wenn er Bühnenbilder entwirft und baut, dann geht er in eine ganz andere Richtung: Es sind oft geometrischen Figuren, sehr abstrakte Räume im Raum, gerne aus Metall zusammengeschweißt. Da schlägt der Schiffbauer durch.

Christian Werdin hat auch Ausstattungen für Schauspiel-Inszenierungen gemacht, er hat in der Fachrichtung Puppenspiel gelehrt und Workshops gegeben. Er hat sich einen Traum erfüllt und ein Atelier in einer alten Wassermühle in der Uckermark eingerichtet – und nach ein paar schönen, ruhigen Jahren, in denen er auch seiner Affinität zu mittelalterlicher Holzbildhauerei nachgegangen ist, wieder verlassen. Er ist zum Zeitpunkt des Besuchs ins Gera 63 Jahre alt und sagt: „Alles ist jetzt noch vorläufig.“

Deshalb hat er die feste Stelle am Puppentheater auch schon wieder gekündigt. Er will frei sein, Ausstattungsaufträge annehmen können, weiter Werden können, den Handwerker und Querdenker, den Menschen Christian Werdin ausbilden.

 

Fotos: Christian Werdin und Max Kühlem

2 Kommentare
Jakob levy
26.10.2017

Der ganze Werdin

Der ganze Werdin ist eigentlich so eine Art Rätsel. Er ist in allem nachgerade perfekt. Wunderbar perfekt, was einer sogleich weiss, wenn er nur so ein Ding aus dessen Hand in seiner Hand hält. Erhellend perfekt, denn durch seine Kunst bringst Du Licht in Sachen und in Dich. Erschreckend perfekt. Für jeden seiner Jünger, die angesichts dieser Meisterschaft am liebsten hinwerfen würden. Es braucht viel Mut den langen Weg zu gehen. Und Fleiss. Und Grips.
Niemand aber ist da ermunternder als er. Herr Meister Werdin. Von Herzen kommen nicht nur seine Puppen, Dinge und Ideen....
Wo findest Du denn so einen (noch)? Versuchs mal im Puppentheater. Egal wo. Man kennt ihn dort. Und wahrscheinlich verneigt man sich innerlich. So wie ich.
Peter Waschinsky
11.03.2017

Marionetten und Abgestandenes

Ich hänge überholten Ästhetiken nach? Komischerweise schreibt das nie einer, der tatsächlich was von mir gesehn hat (wie hier im Portal Tom Mustroph im Interview mit mir).
Die erwähnte Marionetteninszenierung ist dann wohl KEINE überholte Ästhetik, denn Regisseurin G.H. macht ansonsten seit 35 Jahren eher Schauspiel - DIE Innovation in der Puppenspiel-Vermeidungs-Szene schlechthin.
PS: Wer sehn will, ob ich wirklich so abgestanden bin, von mir gibts z.Z. 5 Stücke zu sehn:
"Faust" und "Phantom der Operette" im illegalen Hack-B-Theater,
"Die Walze im Staatsballett" in den Lakestudios, "Bombig!" Premiere in der Schaubude, dort auch zu meinem 50. Bühnenjubiläum "Das Entchen" in 3 Versionen. Näheres auf WASCHINSKYS GENERALANZEIGER.

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