Die aktuelle Kritik

Figurentheater Chemnitz: „Beate Uwe Uwe Selfie Klick – eine europäische Groteske“

von Andreas Herrmann

Uraufführung bildet den Kern eines Theatertreffens zum NSU-Komplex.

 

Abklärende Vernunft

Die Aufklärung über Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des medial meist schlicht auf NSU reduzierten Terrortrios, bestehend aus Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, steckt noch in den Kinderschuhen. Doch der „Nationalsozialistische Untergrund“, so der allenthalben unkritisch zur Marke stilisierte Eigenname, hat schon enorme gesellschaftliche Sprengkraft entwickelt. Bis hin zur entscheidenden Frage: Wen oder was schützt eigentlich der so genannte Verfassungsschutz mit seinen so genannten Ämtern?

Diese wurde am Mittwoch in Chemnitz glasklar gestellt und beantwortet: Es ist nicht klar. Denn betrachtet man dessen Wirken bei Gründung, Flucht, Mordserie und Auflösung der staatlicherseits gern als Terrorzelle bezeichneten Neonazis, ergeben sich viele Fragezeichen. Ein wichtiger Aspekt wird nun per elfabendigen Theatertreffen in Chemnitz und Zwickau verhandelt: „Unentdeckte Nachbarn“ widmet sich – genau fünf Jahre nach dem Tod der beiden Uwes – deren Leben im Untergrund.

Die These ist klar: Es kann (und darf) eigentlich nicht sein, dass die Mörder solange unentdeckt im westsächsischen Untergrund lebten und arbeiteten. Und dass sich das Umfeld samt Kommunen weiter in Verdrängung zwecks baldigen Vergessen übt. Es geht also um mehr. Denn es geht, wie Festivaldirektor Franz Knoppe formuliert, nicht um eine einfache „Zelle“, sondern um das ganze Unterstützernetzwerkes, welches immer noch teilweise unbekannt ist und vielleicht weiter am Systemumsturz werkelt – nicht nur in Jena, Chemnitz oder Zwickau.

Schaute man voller Vorfreude auf die Netzpräsenz, so waren die ersten Boten für das ausgewachsene Festival, welches als Netzwerkprojekt insgesamt 30 Veranstaltungen an 18 Orten, darunter drei Ausstellungen und zwölf Diskussionen, umfasst und nicht nur in den beiden westsächsischen Städten, sondern auch in Bautzen, Jena, Nürnberg und Dresden spielt, auf der Netzpräsenz der Sparte Figurentheater zu finden. Das hat seinen Grund: Deren Direktorin Gundula Hoffmann, Erfurterin des Jahrgangs 1977, war nach ihre Bautzener Zeit (2008-2010) just am Zwickauer Puppentheater, welches sie ab 2013 leitete, als die vermeintliche Terrorzelle per vermeintlichen Doppelselbstmord explodierte und plötzlich als NSU Furor feierte. Das war vor genau fünf Jahren, der Prozess gegen Zschäpe läuft seit über drei Jahren in München.

In Zwickau wurde das abgebrannte Wohnhaus zur Wiese – gegen das Vergessen gründete sich der Verein „Die Gras Lifter“ – mit Knoppe und Hoffmann. Nun ist sie seit zwei Jahren in Chemnitz, und ihre Sparte Mitveranstalter für ein ambitioniertes Theatertreffen über jene „Unentdeckte Nachbarn“, welches sich dem Umfeld in den Untergrundwohnorten des aus Jena geflüchteten Trios in Chemnitz und Zwickau widmet.

Den Höhepunkt liefert Laura Linnenbaum. Die Nürnbergerin des Jahrgangs 1986, die als profunde Kuratorin die zehn eingeladenen Theaterproduktionen aus 80 bundesdeutschen Stücken zum Sujet auswählte, ward von Hoffmann dank guter Zwickauer Erfahrungen zuerst als Regisseurin für die Puppen-Uraufführung „Beate Uwe Uwe Selfie Klick – eine europäische Groteske“ gebucht und brachte die Wiener Autorin Gerhild Steinbuch ins Spiel. Diese tauchte tief ein in den Duktus der NSU-Versteher  ein und schuf eine Textfläche, die in Anlehnung an überlieferte Urlaubsidyllen am Ostseestrand spielt und von Linnenbaum mit dokumentarischem Material angereichert und auf fünf Typen verteilt wird.

Sie macht das Quintett, bestehend aus drei Puppen- und zwei Schauspielern, zum dynamischen Kollektiv, die alle sich selbst spielen und ab und an zwei aussagekräftige Puppen, entworfen von Angela Baumgart, bedienen: Einen irren Riesenkopf als blond-debilen V-Mann und Beate Zschäpe als lebensgroße, leicht obszöne Strandmadamé, die – wie im wahren Prozess – nichts sagt.

Doch die sind nur Randfiguren, denn es trifft sich am Welthauptstrand Europa die neue deutsche Jugend, aufgewachsen mit Pippi Langstrumpf als Lehrmethode, und erklärt sich abgeschottet mit einer Strandburg aus kleinen Euro-Holzpaletten den ganzen Vorfall. Möglichst ohne neue Informationen aufnehmen zu müssen, allerdings mit der neuen Flüchtlingssituation, die den NSU vollends um den Verstand gebracht hätte.

Das geschieht in 90 Minuten als unterhaltsame, parodistische Abklärung mit viel Ironie und Weitsicht – ohne die übliche Erklärkeule, sondern mit feinsinnigeren Klingen, auch den giftigen der Argumente. Dabei überzeugen alle, vor allem die Puppen- als auch die Schauspieler. Dafür baute der junge Münchener Ausstatter Valentin Baumeister, neben dem Palettenstrand ein sinniges Spiegel-Glashaus für Beate und den V-Mann, aus dem dieser ausbricht.

So wird die Uraufführung nach drei Vorstellungen das Chemnitzer Figuren-Repertoire bereichern, während das Festival als „Offener Prozess“ in weitere Städte schwappt. In einer simultanen szenischen Lesung der Münchner NSU-Prozessprotokolle sollen so am 4. November ab 19.30 Uhr die Auseinandersetzung mit den Verbrechen und die Strukturen hinter dem NSU gezeigt werden. Neben dem Weltecho in Chemnitz und dem Zwickauer Malsal sind das Theaterhaus Jena, Staatstheater Nürnberg und das Theater Bautzen dabei.

 

Premiere: 2. November 2016

Textfassung von Laura Linnenbaum mit Texten von Gerhild Steinbuch und dokumentarischem Material
Regie: Laura Linnenbaum
Text: Gerhild Steinbuch
Ausstattung: Valentin Baumeister
Puppenbau: Angela Baumgart
Dramaturgie: René Schmidt
Spiel: Magda Decker, Gerlinde Tschersich, Michel Diercks, Tobias Eisenkrämer, Felix Schiller

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