Die aktuelle Kritik

Figurentheater Ravensburg: "Das Missverständnis"

von Jürgen Widmer

Andreas Banitsch bringt Camus' Klassiker mit lebensgroßen Puppen auf die Bühne.

 

Das Herz ist eine Wüstenei

Der Fremde ist auch in der Heimat fremd. Und wer fremd ist, bekommt kein Pardon. Denn: „Was man nicht kennt, lässt sich leichter töten.“ Hinter dieser  Erkenntnis steckt nichts Menschliches, nur purer Existenzialismus. Albert Camus’ „Das Missverständnis“ verbreitet diese Erkenntnis mit der Wucht eines exemplarischen antiken Dramas, kondensiert in der Enge eines beklemmenden zeitgenössischen Kammerspiels. Das Figurentheater Ravensburg, ein ambitioniertes Amateurtheater mit  einem geschätzten Programmangebot für Kinder, hat das Stück jetzt mit viel Ambition auf seine Puppenbühne gebracht.

Die Geschichte könnte für eine schwarze Komödie taugen: Zwei Frauen, in diesem Fall Mutter (Martina Töpfer-Widmann) und Tochter (Jutta Frick), betreiben ein Hotel, gegen das Bates Hotel aus Psycho wie ein Hort froher Gastlichkeit wirkt. Doch das Geschäftsmodell der beiden Frauen, die lieber heute als morgen ans Meer durchbrennen würden, ist ohnehin nicht auf treue Stammgäste angelegt. Wer arm ist, darf weiter ziehen, wer Geld hat und nicht allzu schnell daheim vermisst wird, bekommt erst einen Schlummertrunk verabreicht und landet dann im Fluss. So weit, so schlimm.

Camus zeichnet einen Ort, an dem es an allem mangelt: Geld, Mitgefühl, Liebe. In dieses alles verschlingende Grau kommt Jan (Thomas Töpfer). Er ist der Sohn, der fortging, sein Glück zu machen, dass er nun mit der Schwester und der Mutter teilen will. Doch er gibt sich nicht zu erkennen, obwohl ihn seine sommergrün gewandete Frau Maria (Mimi Banitsch) vor der Maskerade warnt.

Es kommt, wie es kommen muss. Zwar ahnt die Mutter, dass mit diesem Fremden etwas anders ist. „Doch das Herz nutzt sich ab“, sagt sie und so nimmt das Verhängnis seinen vorhersehbaren, unbarmherzigen Lauf. Am Ende bleibt die Kälte, die Verzweiflung und das unbarmherzige „Nein“ eines Gottes (Neri Drescher), der als stummer Diener dem Geschehen zusieht.

Regisseur Andreas Banitsch schrumpft das Stück nicht auf Handpuppen- oder Marionettengröße. Lebensgroß sind die Puppen, die von den Spielern vor dem Körper getragen werden. Menschlicher Ausdruck ist ihnen fremd, Träger der Sehnsüchte, der wahren Gefühle sind die Spieler selbst, die damit in einer Doppelfunktion agieren müssen.

Neu ist dieser Regieeinfall nicht. Der Puppenspieler und Regisseur Nikolaus Habjan hat so Camus’ Stück zu einem fulminanten Theaterabend am Schauspielhaus Graz gemacht. Diese Bilder muss  Banitsch, der auch für die Puppen verantwortlich zeichnet, vor Augen gehabt haben. Doch hat er Habjans Idee nichts hinzuzufügen. Statt die Chance zu ergreifen, die sich gerade in der Verfremdung bietet zu nutzen, setzt er auf die stete Geisel des Amateurtheaters: den Pseudo-Realismus. Da werden Betten auf die Bühne geschleppt, Tisch und Stuhl arrangiert, ein Nachtgeschirr hat letztendlich keine Funktion, als herumzustehen.

Die zweite Falle, in die der Abend landet, stellt das Stück selbst. Das 1944 in Paris uraufgeführte Stück verlangt genaues Textverständnis vom Regisseur und den Darstellern. Denn Camus’ liefert kein prächtiges Schauspielerfutter, das Stück ist  eine kühle Versuchsanordnung, die Sätze liegen sperrig im Mund. Dazu kommt, dass Camus kein Stück über Individuen geschrieben hat, sondern exemplarisches Welttheater.

Diesem rücken die Darsteller aber smit allzu ausgestellter Mimik und Gestik auf den Leib. Statt den Text kühl zu sezieren, retten sie sich in pseudopsychologisches Spiel. Camus wird zur Soap. So kleistern die Akteure und die Regie immer wieder aufscheinende poetische, intime Momente zu.

Am Ende bleibt das Gefühl, dass der Abend erfreulich viel Ambition, aber wenig Lösungen bietet.

 

Premiere: 29. Oktober 2016

Es spielen: Jutta Frick, Martina Töpfer-Widmann, Thomas Töpfer, Mimi Banitsch und Neri Drescher
Spielleitung + Regie: Andreas Banitsch
Figuren: Andreas Banitsch nach Entwürfen von Dolores Gregoric
Technik: Jürgen Segelbacher

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