Die aktuelle Kritik

Figurentheater Tübingen: "unter.wasser – a farewell party"

von Wilhelm Triebold

Frank Soehnle reist an die Ränder der Realität – und kommt endlich Zuhause an.

 

Glieder ohne Worte

Das renommierte Figurentheater Tübingen trägt seit einem Vierteljahrhundert den Namen der Universitättsstadt in alle Welt hinaus. Ein Drittel des Jahres ist Frank Soehnle, einer der kreativsten Köpfe des Puppentheaters, auf internationalen Festivals unterwegs, zuletzt gerade auf der Leistungsschau im zentral-staatlichen Moskauer Obraszov-Theater. In Tübingen selbst gab es bislang wenig Unterstützung, geschweige denn feste Probenräume. Das Figurentheater musste lange in ein unwirtliches Industriegebiet im benachbarten Reutlingen-Betzingen ausweichen. Jetzt endlich hat es geklappt mit dem eigenen Tübinger Domizil: Nach vielen Mühen wird Soehnle und seinen Mitstreitern künftig neben städtischen Zuwendungen eine Baracke überlassen, die der örtliche Albverein aufgegeben hat und der sich auch für gelegentliche Aufführungen nutzen lässt.

Also gleich eine doppelte Premiere - für Bühne und Stück: Die Produktion „unter.wasser“  gibt vor, ins nasse Element abzutauchen, bleibt allerdings mehr an Land und in der Luft: als ein verspieltes Nachtstück der Phantasie und der starken Bildersprache, mit schwebenden Feder-Möwen und Plastikquallen.

Dazu ein paar von Soehnles äußerst reduzierte Miniaturfiguren auf Giacomettis Spuren, dazu auch allerlei belebte Objekte, an die zwei großartige Figurenspieler (Sabine Effmert und Christian Glötzner) an einer langen Bühnentafel Hand anlegen. Und zwar mittendrin, als Teil des Ganzen.

Der Meister selbst belässt es diesmal bei der Regie, überlässt außerdem den beiden Puppenspiel-Kolleginnen Anja Kilian und Ulrike Andersen einen gehörigen Anteil an vielfältigen Pandämonium der Phantasie. Schlager wehen vorbei, aus einem uralten Röhrenradio, ein langgliedriger Leichtmatrose klammert sich an eine Buddel, um schwerelos davon zu staksen.

Das bleibt alles weitgehend assoziativ, ohne einen roten Handlungsfaden aufzunehmen: keine Erzählabend, sondern ein martitim-melancholischer Stimmungsbilderbogen, verwirrend und verknüllt wie das Fischernetz, das irgendwann auf dem langen Tisch landet. Vier Fischköpfe singen als Comedian Harmonists von der Liebe, die kommt und geht, ein ulkiger Klabautermann wütet und stumme Zaungäste harren starr der Dinge die nicht kommen.

Frank Soehnle strebt seit jeher "visuelle Gedichte" an, wie er sagt. Hier werden sie vielstimmig rezitiert wie selten, und ein jeder muss sich seinen eigenen Reim darauf machen. Glieder ohne Worte. Und die Sprache des Gliedermanns, in Kleist-Sinne das Hintertürchen zur paradiesischen Unschuld und Grazie suchend. Das Tübinger Figurentheater beschwört wiederum (mit Frank Soehnle als Prospero) Luftgeister, seemeilenweit entfernt von irdischem Püppelspiel und herkömmlichem Marionettentheater.

Koproduzentin Ulrike Andersen, die das Bremerhavener Puppentheater leitet, übernimmt die Produktion gleich nach den restlichen Tübinger Vorstellungen. "unter.wasser" hat ja auch irgendwie  mehr mit der Nordseeküste zu tun als mit dem Neckar.

 

Premiere: 10. November 2016

Es spielen: Sabine Effmert und Christian Glötzner
Regie: Frank Soehnle
Ausstattung: Ulrike Andersen, Anja Kilian und Frank Soehnle
Musik: Johannes Frisch
Assistenz: Leonard Wanner
Logbuch Begleitung: Birgit Heiderich
Fotos:
Leo Wagner
Eine Koproduktion des figuren theater tübingen mit dem Figurentheater Bremerhaven, Glötzner Produktionen, Figurentheater Anja Kilian Hamburg und Sabine Effmert.

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