Die aktuelle Kritik

Kölner Künstler Theater: "Das viel gelobte Land"

von Nele Beckmann

Zwischen Ausflugsdampfer und Flüchtlingsschiff: Migration als ewiger Mythos

 

Wo Milch und Honig fließt

Kanaan, der biblische Ausdruck für das Paradies, beschreibt ursprünglich die Gegend, die heute Syrien genannt wird. Das wirkt paradox - angesichts der aktuellen politischen Lage im Land. Tatsächlich bleibt die Bezeichnung „gelobtes Land“ oder „Paradies“ ja aber so offen, dass sie von jedermann mit eigenen Assoziationen gefüllt werden kann. Utopia ist Nirgendwo.

Genau hier setzt das von Georg und Ruth zum Kley entwickelte Figurentheater-Schauspiel „Das viel gelobte Land“ an, welches gestern im Kölner Künstler Theater als dritter Teil des vom Land NRW geförderten Stückzyklus „Heimat“ Premiere feierte. Ein besseres Leben: Für den Einen sind das Flüsse aus Milch und Honig, für Andere ist es die Möglichkeit, auch als Mädchen Fahrrad fahren zu dürfen.

Vier Haupt-Akteure begegnen uns auf der Bühne, die bis auf ein sich im Sturm wiegendes Schiff leer ist. Da bleibt Platz für Projektionen. Zwei der Darsteller sind Schauspieler, die insgesamt fünf Rollen besetzen. Die anderen zwei sind von Katy Gellweiler liebevoll gearbeitete Figuren. Es gibt den von Hanno Dinger gespielten cholerisch-zynischen Vater von Hans Kräuter, Inhaber einer Textilindustrie, und die verwaiste Nichte Sarah der strengen Journalistin Ivette, gespielt von Heidrun Grote, die auf dem Weg ist zu ihrer neuen Patenfamilie. Hand in Hand gehen das Schau- und das Puppenspiel auf dieser Kreuzfahrt der ungelebten Träume in einer offenen Spielweise. Mensch und Figur treten in direkte Interaktion, sind einander Familienmitglieder und Ansprechpartner.

Was alle Reisenden auf dem Schiff verbindet, ist der Umstand, dass sie auf dem Weg in eine glücklichere Zukunft zu sein hoffen. Liebe, Glück und Zufriedenheit erscheinen nicht Subjekt- sondern ortsgebunden. Gemeinsam ist Ihnen, dass sie nicht aus einer lebensbedrohlichen Notsituation heraus flüchten, sondern motiviert durch individuelle Gründe und der vagen Ahnung, dass das Gras drüben grüner ist. Sie emigrieren aus Raid, fliehen aus Lübeck, denn „von Marzipan allein wird man nicht satt.“ Das klingt nach Luxusproblemen der westlichen Industrieländer, - doch wer definiert schon die Maßstäbe und Grenzen persönlicher Freiheit? Von Gleichberechtigung unter den Geschlechtern wird geträumt, von religiösen Führern, niedrigen Steuern und einer Willkommenskultur, die Neuankömmlinge am Hafen begrüßt. Das Unbekannte lockt mit den frohesten Verheißungen, da die alte Welt Mängel aufwies hat man ihr den Rücken gekehrt und symbolisch schwankenden, eben ungewissen, Boden betreten.

„Expansion statt Emigration“ um es mit Väterchen Kräuters Worten zu sagen, der die Zeit an Deck nutzt um Werbung in eigener Sache zu machen. Nach einigen Gläsern Schaumwein verebben jedoch seine prahlerischen Töne und die Verzweiflung hinter dem Vorhaben steigt an die Oberfläche. Er allein könnte als Wirtschaftsflüchtling bezeichnet werden, was Silber- und Lachmöwe, die immer wieder das Schiff umsegelnd als Brechtscher Chor auftreten, missbilligend kommentieren. Um dann schließlich zu dem Schluss zu kommen, es seien ja doch alles lediglich Menschen, die sich an Bord befinden. Außer jene, die von ihrem Nationalstolz so eingenommen sind, das in Ihnen kein Platz mehr fürs Menschsein ist. Dem möchte keiner widersprechen, dennoch wirken diese Zwischenspiele insgesamt wie ein moralisch erhobener Zeigefinger. Das ist sicherlich geeignet um Schulklassen die Bedeutung und Geschichte von Migration als grundlegendes menschliches Phänomen näher zu bringen, jedoch zu viel an Belehrung für einen weltgewandten Theaterbesucher.

Die Aufteilung in Rahmenhandlung, in der zwei überlebende Matrosen des finalen Schiffbruchs als Analepse über die See rudern, und Binnenhandung der Geschehnisse mit Streitereien auf dem Dampfer wird nicht konsequent, also zyklisch, aufgelöst. Das ist aber auch gar nicht schlimm, denn gerade durch das abrupte Ende mit dem Untergang gewinnt das Stück. Kraftvoll und poetisch werden die Bilder, als die Habseligkeiten der Ertrunkenen an dünnen Ruten geführt durch eine Unterwasserwelt schweben. Endlich: Dramaturgischer und inhaltlicher Tiefgang.

Ein anderer märchenhafter Moment, der hervorgehoben werden will, ist der Augenblick als die kleine Sarah eine majestätische Wasserschildkröte durch das Bullauge ihrer Koje vor smaragdgrün schimmernden Hintergrund entdeckt. Dazu trägt das live von Markus Apitius gespielte Klavier einen großen Teil an Stimmung bei. Während des restlichen Stücks wird es vor allem eingesetzt um mittels klassischer Einlagen die Umbauphasen zu begleiten. Beachtlich ist dabei, wie das auf einer Wiegebett-ähnlichen Konstruktion montierte Schiff, zur Puppenstube umdekoriert, die Miniaturkulisse für Allerlei bildet: Annäherungen, Machtspielchen, erste Schritte in eine frei erwählte Existenz.

Die Stärke des Stückes liegt vielleicht gerade in der Frage nach der Berechtigung zu selbstgewählter Veränderung. Warum erscheint es einigen ganz natürlich, sich ihre Heimat aussuchen zu dürfen, während denjenigen, die tatsächlich auf Asyl angewiesen sind, oftmals die Wahl verwehrt wird? Damit ist die Geschichte ebenso aktuell wie zeitlos gültig. Jede Reise beginnt mit Schritten, von einem Ereignis spricht’s sich dann, wenn Unbekanntes sich auftut. Diese kritische Botschaft würde auch zum Konzept des Kölner Künstler Theaters passen, welches sich als ein Theater der Vielfalt und Teilhabe sieht. Barrierefrei- auch im Kopf.

 

Premiere: 20. Oktober 2017

Autor & Regie: Georg zum Kley
Dramaturgie & Presse: Ruth zum Kley
Spieler: Heidrun Grote und Hanno Dinger
Musik: Markus Apitius
Figurenbau: Katy Gellweiler
Technik & Bühnenbau: Daniel Swoboda
Rechte: Kölner Künstler Theater

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