Die aktuelle Kritik

Puppentheater Magdeburg: „Meet me in Moskau“

von Kathrin Singer

Ein tolles neues Stück Theater für alle Sinne von Artist in Residence Roscha A. Säidow.

 

Das Leben könnte so schön sein

Theater mit allen Sinnen zu erleben, ist ein Markenzeichen der Berlinerin Roscha A. Säidow, im letzten Jahr die gefeierte Neuentdeckung am Magdeburger Puppentheater, derzeit dort „Artist in Residence“. In ihrem Magdeburger Debüt „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ hatte sie die Mörderhand durch den kalten Hauch von Wind- und Nebelmaschinen und wehende Plastikvorhänge physisch spüren und dem Publikum eine Gänsehaut wachsen lassen. In ihrem neuesten Wurf ist es ein mitten auf der Bühne entstehender schwülwarmer Feuchtbiotop, in dem freilich nichts wächst, der den Zuschauer aber nach Vorstellungsende im Foyer buchstäblich aufatmen lässt.

„Meet me in Moskau“ holt den Dramenklassiker „Drei Schwestern“ von Anton Tschechows ins Heute.

„We are family“, der abgenudelte Hit der Sister Sledge, übrigens auch Titel einer Serie im Privat-TV über „die verrücktesten Familien Deutschlands“, dudelt harmlos während des Einlasses, bevor der Trip durch die Familienhölle beginnt. Roscha A. Säidow hat Anton Tschechows Klassiker fortgesponnen und mit der Uraufführung ihrer Textversion das Leben der drei im Konjunktiv fortgeschrieben. Was ist aus Olga, Mascha und Irina geworden, deren einziger Wunsch darin bestand, einst „nach Moskau“ zu gehen, dem von der Vergangenheit genährten Sehnsuchtsort des brodelnden Lebens. Elf oder eher hundertsechzehn Jahre später. Das bleibt im Ungefähren und ist schlussendlich auch unwichtig, denn die Zeit scheint nur unwesentlich fortgeschritten zu sein.

Handlungsohnmacht und die Weigerung der Figuren, in der Gegenwart zu leben, waren Tschechows Themen in dem 1901 erschienenen Klassikers. Das ferne Moskau der Vergangenheit und das Philosophieren darüber, was Lebensglück ausmachen könnte, beherrschen die vier Akte des Dramas.

Säidow hat nun eine klassische Situation gewählt, die drei Protagonistinnen des Dramas wieder zusammenzubringen: die Beerdigung des Bruders Andrej, dem einstigen Hoffnungsträger des Trios auf ein neues Leben jenseits der Provinz. Ihm zuliebe treffen die Schwestern zusammen, im trostlos torfschlammigen Morast des Friedhofs, auf den es unablässig aus dem Bühnenhimmel regnet.

Während Olga, die als Lehrerin schon immer alles organisiert hat, versucht, die Beerdigungszeremonie durchzuziehen, klinken sich die jüngeren Schwestern bald aus: Mascha, die inzwischen gern zur Flasche greift, bringt erste Misstöne ins Spiel, Irina beginnt, die gesamte Familiengeschichte mit Kreide auf die großen schultafelähnlichen Quader der Bühne zu skizzieren. Das passiert schnell und grotesk, mit grob angelegten, eher wie Karikaturen wirkenden Frauenfiguren, die sich auch mal ein Schlammcatchen liefern. Schmaler wird der Pinselstrich mit dem Auftauchen der Vergangenheit, die sich mit dumpfen Klopfzeichen ankündigt, und ab da wird es spannend: Die Kästen öffnen sich und geben das Bild frei auf die Enge von früher. Der Salon der Prosorows ist eine Puppenstube in Draufsicht, in anderen Kästen eröffnen dioramenähnliche Szenen aus der Familiengeschichte.

Die von Gildas Coustier entworfenen magnetische Puppen müssen nicht geführt werden, sondern stehen selbständig, werden von den Schwestern nur positioniert oder auch mal in den Schlamm geworfen. Ein schauriger und wirksamer Effekt: Die Stimmen der Puppen kommen allesamt vom Band und fordern den durchweg souveränen Spielerinnen einen präzisen Rhythmus ab. Die Vergangenheit kann nicht nachträglich geschönt werden, mehr noch, es findet eine scheinbare Rollenumkehr statt: nicht die Puppenspielerinnen führen, sondern sie werden geführt. Familienbande lässt sich eben nicht abschütteln. Und da ist sie wieder, die Sehnsucht „nach Moskau“, dem Lebenstraum, der nie gelebt wurde.

Säidow verschränkt für ihr Stück der Möglichkeiten Zitate von Tschechow mit ihren eigenen sehr poetischen Bildern über den Anspruch an das Glück. Anna Wiesemeyer, Freda Winter und Claudia Luise Bose arbeiten wunderbar nicht nur die verdrängten Lebenslügen der Schwestern heraus, sondern brillieren darin, zu zeigen, wie sich ein Leben im Konjunktiv anfühlt, mit aller Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Selbst als alle Barrieren aus dem Weg geräumt scheinen, lähmt die Angst vor konsequenten Entscheidungen zugunsten der erschütternd banalen Tatsache, sich selbst im Weg zu stehen.

Jubelapplaus in Magdeburg!

 

Premiere: 20. Oktober 2017

Regie: Roscha A. Säidow
Ausstattung: Julia Plickat
Puppen: Gildas Coustier
Dramaturgie: Katrin Gellrich
Spiel: Claudia Luise Bose, Anna Wiesemeier, Freda Winter

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