Die aktuelle Kritik

Kaufmann & Co.: "Die Macht der Mütze"

von Tom Mustroph

Im Programm des Festivals "Theater der Dinge" wurde der Kasper dekonstruiert.

 

Wiedergeburt als Rebell Boy

Als Rebell Boy wurde der gute alte Kasper bei der diesjährigen Ausgabe des Festivals der Dinge in der Berliner Schaubude wiedergeboren. Er trat dabei mal als sich durchs Heilige Land prügelnder Holzkopf auf - in Ariel Dorons Zwerchfell erschütternder Orgie "Pinhas" -, dann wieder als Like- und Dislike-Athlet im Kontext der sozialen Medien - "Der Tanz der Algorithmen" von Nicole Gospodarek und Christiane Klatt. In der Eigenproduktion "Kasper unser" - der nach Veranstalterangaben ersten Eigenproduktion der chronisch unterfinanzierten Schaubude seit 2007 - ist der Kasper ein depressiv ein depressiv gestimmtes Dickerchen, das durch Hans-Jochen Menzel glänzend animiert wird und den Kosmos der politischen Großthemen Geflüchtete, Rassismus und Altersarmut abschreitet. Dabei gewinnt der einstige Jahrmarktsschreier an Reflexionsvermögen, was zuweilen  auf Kosten der Schärfe und Bösartigkeit geht.

Aber welcher Kunst-Kasper kann es in Sachen Vereinfachung schon mit Kapser 2.0-Figuren wie Trump, Kim, Erdogan oder Putin aufnehmen? Die zweite Premiere des Festivals, "Die Macht der Mütze" von Kaufmann & Co., setzt ganz auf die Nacktheit des Kaspers.

Kein Gesicht, keine Schellen, nur eine lange hölzerne Mütze, die auf einem Finger der bloßen Hand Eva Kaufmanns sitzt. Es ist ein dekonstruierter Kasper, der darüber nachdenkt, wer oder was ihm eigentlich die Macht verleiht. Es ist, natürlich, das zuletzt noch übrig gebliebene Utensil, die Mütze. Der nackte Kasper ist zugleich ein verletzlicher, ein ungeschützter, denn die offene Handinnenfläche ist schließlich ein Völker übergreifendes Zeichen von Freundschaft, Achtung und Respekt. Eine überraschende Transformation, die Kaufmann gleich zu Beginn des Abends gelingt.

Im weiteren Verlauf folgt sie konsequent der Idee der Dekonstruktion des Kaspers. Der Stoffvorhang wird weggelassen. Nur ein in die Luft gehaltener Bilderrahmen markiert die Bühne. Kaspertheater wird zu einem Stück bildender Kunst, das man an die Wand hängen kann. Gut, die Flachware im Rahmen ist nicht gerade der letzte Schrei in der bildenden Kunst, dennoch: Welch hübsche Veredelung dieser einst rabiaten Straßenkunst.

Leider buchstabiert Kaufmann ihre grundsätzlich reizvolle Idee der Befragung der Kasperfigur und ihrer Reduktion auf das Wesentliche viel zu pedantisch aus. Da wird das Verhältnis von Spielerin und Puppe aufs Korn genommen - wer führt hier wen? Spieltechniken werden ausgestellt. Und auch das Verhältnis zwischen Kasper und Oma wird analysiert. Die sitzt als dicke Matrone (unter den Gewebelagen Alexandra Kaufmann) mitten im Publikum und ist erste Ansprechpartnerin in diesem als Probe inszenierten Spiel im Spiel.

Es sind grundsätzlich gute und sinnvolle Ideen, denen das Duo folgt. Nur leider werden sie zu breit, zu seminaristisch angelegt. Einige Lagen Bedeutungsschwere weniger, etwas Luft, die aus dem aufgeblähten Diskursballon entweichen kann, und vor allem der eine oder andere Perspektivwechsel hätten dieser Arbeit gut getan.

Immerhin ist der Befragungsansatz interessant. Und im Kontext des Festivals versuchte dieser Kasper erst gar nicht, der vorgegebenen Spur der Rebellion zu folgen. Was schließlich soll kuratierte Rebellion auch sein?

Immerhin wurde jetzt an der Schaubude eine im Puppentheater mit Kunstanspruch eher verfemte Figur wieder in den Fokus genommen. Als am rebellischsten im Sinne des Festival-Mottos entpuppte sich ein Gast aus Stuttgart, die legendäre "Gräfin" von Stefanie Oberhoff. Sie qualmte nicht nur die Bühne zu und ließ ihren Altfrauencharme knarzen. In der kongenialen Zusammenarbeit mit dem israelischen Puppenspieler Ariel Doron brachte sie sogar dessen Hitlerfigur - Zentralgestalt der Spezialhölle für den jüdischen Kasper Pinhas - Deutsch bei und hämmerte ihn schließlich von der Bühne herunter. Die Rebell Lady machte nicht nur Geschichte, sondern rückte auch Geschlechter- und  Generationenverhältnisse zurecht. Gut so.

 

Premiere: 16. Oktober 2017

Koproduktion mit Schaubude Berlin im Rahmen des Festivals "Theater der Dinge 2017"
Textfassung: Kaufmann & Co.
Regie: Ensemble
Spiel: Alexandra Kaufmann, Eva Kaufmann
Szenografie, Lichtdesign: Werner Wallner
Dauer: ca. 60 Minuten

1 Kommentar
Peter Waschinsky
04.11.2017

NOCH ein Kasper bei "Theater der Dinge"

Das Festival betitelte sich diesmal "Puppenspiel und Rebellion", gewissermaßen rebellierte die Schaubude gegen ihre langjährige Objekt- und Schauspiel-Tradition und zeigte überraschend vor allem Puppenspiel. Auch ich trat auf - zur Festivaleröffnung unangemeldet im Foyer, mit dem Kasper. Aber Rezensent Tom Mustroph schrieb wohl unrebellisch nur übers offizielle Programm. Deshalb hier der Text meines Auftritts; den einige Kollegen unterstützten, andere distanzierten sich ausdrücklich, vom Publikum kam Beifall und Bravo. Und von Ulrich Seidler, Berliner Zeitung, mit Hilfe von 4 saftigen Falschdarstellungen ein Daumen nach unten: Ich wäre angemeldet gewesen, hätte um Anerkennung gejammert, die Internat. Gäste (die ja in Wahrheit kein Deutsch verstanden), hättens peinlich gefunden, und aus Sandy Schwermer machte er "Sindy". Tja, so ist das mit Rebellion und Spontanität..
........................
Kasper :
Mach ich schon
Rebellion!
Um als Clown
euren Thron
zu bedrohn...
Gendarm : Halt! Was ist das?
Kasper : Na Rebellion! Das Festival-Motto!
Gendarm : Ja, aber doch nicht so! Sondern organisiert und geplant.
Kasper : Rebellion mit Konzeption und mit Organisation.
Gendarm : Damit die Sache Niwoh kriegt!
Kasper : Rebellion mit Niwoh! Daß die Schoh nicht so roh.
Gendarm : Und für Niwoh braucht man Geld.
Kasper : Aber die Schaubude kriegt keins.
Gendarm : Normalerweise. Für ein Festival-Event mit besonderen Künstlern… dann doch !
Kasper : Und nach dem Festival geht’s dann wieder ohne, für unbesondere Künstler und Zuschauer.
Gendarm : Berlin braucht Leuchttürme! …… Du paßt hier nicht rein, Kasper!
Kasper : Nee? Gucken sie mal aufs Festival-Heft. Der Kasper!
Gendarm : Das ist der Hohnsteiner Kasper. Das Gegenteil von dir, ist nie angeeckt.
Kasper : Stimmt! Nicht mal 33 bis 45. Also ein Vorbild-Kasper.
Gendarm : Und immerhin nach 20 Jahren mal wieder eine Puppe statt Objekten. Dieser Kasper spielt dann auch im Saal. Weil er sich nicht daneben benimmt.
Kasper : Und wenn ich nun den Saal besetze?
Gendarm : Dann zeigen wir mal, wie tolerant wir sind.
Kasper : 7 Tage lang.
Gendarm :Das war in der Volks… im Staatstheater. Hier ist alles viel kleiner. Auch die Toleranz: 7 Minuten.
Kasper : Dann geh ich mal schnell rein und besetze!
Gendarm : Halt! Die 7 Minuten sind um.
Kasper : Aber das waren erst 10 Sekunden...
Gendarm : Wie lang 7 Minuten sind, bestimme ICH!!!
Kasper : Und wenn ich da als Besucher reinwill?
Gendarm : Gut. Aber drin nicht danebenbenehmen.
Kasper : Aha. Hier draußen kann man.
Gendarm : Was kann man?
Kasper : Sich daneben benehmen. (schlägt Gendarm mit dem Knüppel)
Gendarm : He, was ist das?
Kasper : Das ist mein Objekt…Ich mache Objekttheater.

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