Die aktuelle Kritik

Puppentheater Gera: „Verbrechen“

von Franziska Reif

Zwei atmosphärisch genau inszenierte Kriminalfälle erzählen von Strafe und Schuld.

 

In der Welt verloren

„An guten wie an schlechten Tagen“, lautet das Eheversprechen, dessen sich Fähner, der Arzt aus Rottweil, nicht nur erinnert, sondern an das er sich hält. Ein zuverlässiger Mensch, gesellschaftlich engagiert, aus einer respektablen Familie und selber hoch angesehen. Mühe machen freilich vor allem die schlechten Tage und davon sieht seine Ehe viele. Dabei hatte mit Ingrid alles so gut begonnen. Schön war sie, immer lag Leidenschaft in der Luft. Viele Jahre später steckt sie immer noch drall in altbackenen Klamotten, er hängt verhärmt und gramgebeugt in seinem Jackett. Diese beiden Halbpuppen teilen sich die untere Körperhälfte mit den Spielern, ihre ausdrucksstarken Gesichter erzählen aus dem Leben. Ferdinand von Schirach, der Strafverteidiger, der die beiden kennenlernt, als sie zu einem Fall werden, in dem es nichts zu verteidigen gibt, steht eingangs wie ausgangs als verkleinerter Ganzkörper in der Szene und kommentiert. Dazwischen zoomt die Inszenierung in den Alltag der beiden. Es sind Gedanken zu Schuld und Verbrechen, mit denen von Schirach den Fall einleitet. Am Ende wird er auf Sinn und Zweck des Strafmaßes zurückkommen.

Zwei Fälle bringt das Puppentheater Gera von Theater&Philharmonie Thüringen in einer Fassung von Caren Feil frei nach Erzählungen Ferdinand von Schirachs auf die Bühne. Die Inszenierung von Stefan Wey zeigt Kriminalstücke, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Im einen Fall gibt es einen Mord, für den sich viel Verständnis regt, im anderen Fall gibt es nicht mal eine Leiche. Von den Fähners wird vor allem an deren Küchentisch erzählt, die Erzählung „Grün“ reist durch die Düsternis des regenfeuchten Norddeutschlands. Verlorenheit findet sich in beiden Fällen. Der Fokus auf die heimische Küche erlaubt es, diese mit einer Rückwand aus hellen Paravents zu versehen und solcherart die Szene auf der Bühne zu fokussieren. Auch den ersten Fall rahmt Schirach mit seiner Perspektive. In nahezu kompletter Dunkelheit wird lediglich seine Figur angestrahlt, aus erhöhter Position spricht er über das dünne Eis, auf dem wir alle wandeln. Dann erst wird die transparente Leinwand sichtbar, die zwischen Publikum und Bühne gespannt ist.

Der Fall beginnt, es bleibt düster. Eine Filmsequenz zeigt Schafe, die in schlechtem Wetter auf der Weide stehen, eines bildet den Übergang zum eigentlichen Fall, indem es in Animation aus mehreren Wunden zu bluten beginnt. Nach diesem Vorspann bleibt das Wetter schlecht. Drei norddeutsche Bauern beugen sich über ein totes Schaf, sprechen über den Schafmörder, der in letzter Zeit umgeht. Ein plötzlich auftauchender Mann im weißen Hemd gibt ihnen Geld, es ist wohl sein Sohn, der die Bauern schädigt. Außerdem fehlt Sabine, die Tochter des Grundschullehrers, sie und der Sohn kennen sich von Kindesbeinen an.

Nicht nur der Landbevölkerung inmitten des Nichts ist klar, dass da was nicht stimmt mit dem Jungen, auch die Staatsanwältin will ihn wegen Mordes an Sabine anklagen. Die einen bereden das in einer atmosphärisch genau gezeichneten Szene am Tresen der Dorfkneipe. Der Kneipier ist über die Jahre am Zapfhahn krumm gewachsen und schlurft über das Parkett. Dies ist eine der wenigen Szenen, in denen ein Spieler eine Rolle hat, die drei Gestalten beim Bier sind abermals gut ausgeleuchtete Puppen, die mit ihrer Haltung, mit einer Bewegung imstande sind, Stimmung und Befinden auszudrücken. Die Spieler in diesem Fall sind im Hintergrund, mit ihrer schwarzen Garderobe und teilweise mit Netzen vor den Gesichtern verschwinden sie ganz in der Dunkelheit, die die Szenen dieses Falles umgibt.

Die Staatsanwältin beantragt eine Anklage wegen Mordes. Durch die Projektion auf die Leinwand erhält der Gerichtssaal eine plastische Tiefe, Richter, Staatsanwältin und Strafverteidiger sind kleine Figuren hinter großen Akten. Die Musik kommt oft mit dynamisch-pointiert treibendem Schlagwerk und sphärischen Klängen daher, die vielleicht auf Unheil deuten. Der andere, in dieser Inszenierung an zweiter Stelle stehende Fall um die Fähners arbeitet fast ohne Projektion und auch fast ohne Lautuntermalung. Ein spanisches Gitarrenlied spielt auf, als sie ihren letzten Tanz haben, im Keller, als noch kein Verbrechen geschehen ist, aber das Publikum bereits ahnt, was geschehen wird, und sich selbst bereits fragt, welches Strafmaß sinnvoll ist. Der Einsatz der Mittel – die unterschiedlichen Puppen von Christian Werdin, der auch die Bühnen gestaltet hat, die Filmsequenzen, die Beleuchtung und die Musik – erfolgt treffgenau und zeigt, dass hier keineswegs nur die Freude an der Spielerei mit den Möglichkeiten federführend war. Auch das Erzähltempo ist genau dosiert und deshalb in der Lage, das Publikum mitzureißen.

 

Premiere: 13. Mai 2017

Zwei Kriminalstücke - frei nach den Erzählungen Grün und Fähner von Ferdinand von Schirach in einer Fassung von Caren Pfeil und Stefan Wey
Uraufführung
Inszenierung: Stefan Wey
Ausstattung: Christian Werdin

Musik: Michael Krause
Dramaturgie: Caren Pfeil
Video: Friedrich-Albert Wey
Puppenspielerinnen: Marcella von Jan, Sabine Schramm, Lys Schubert
Puppenspieler: Tobias Weishaupt
Fotos: Sabina Sabovic

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