Die aktuelle Kritik

Schaubude Berlin: "Bombig!"

von Janina Reinsbach

Peter Waschinsky feiert sein 50. Puppenspiel-Jubiläum mit einem Szenenreigen.

 

Szenenreigen mit erhobenem Finger

Eine Hand tritt auf. Sie bewegt sich filigran über die Spielleiste, aber nicht nur irgendwie: Sie wackelt nicht von links nach rechts, sie stakst nicht etwa umgedreht mit den Fingern als Beinen unten und einem hilflosen Handgelenk oben herum. Sie erscheint, sieht sich um und geht einige Schritte. Wie sie das macht, ohne Beine und ohne Gesicht, ist eben die Kunst, in der der Zauber liegt. Sie trifft auf eine andere Hand in einem Gorillakostüm - also einem schwarzen Fellhandschuh. Die Hände kommen sich näher, eine Liebesszene entwickelt sich. Obwohl das Publikum gerade noch häufig und laut gelacht hat, ist es jetzt totenstill im Raum. Es liegt trotz aller Absurdität eine unendliche, feine Zartheit in der intimen Annäherung der beiden Hände.

„Danke!“ ruft eine Stimme und reißt abrupt aus der Gebanntheit. Die Umgebung taucht wieder auf; das mittig im Raum gespannte weiße Bettlaken. Der Schattenriss eines Mannes dahinter und nackte Waden über groben Stiefeln darunter. Weiterhin allerlei Utensilien am Boden. Ein kleines Schild „Menschen verboten“, das ohne Brille eine Herausforderung ist. Wir sind in der Schaubude Berlin und auf dem Laken zeichnet sich der Schatten Peter Waschinskys ab.

Peter Waschinsky. Auf seine Weise eine Koryphäe. Puppenspieler mit Leib und Seele, nicht zuletzt durch die präzise Animation seiner bloßen Hände bekannt geworden. Ein Typ, der vor Jahrzehnten internationales Renommee aufgrund seiner feinfühligen Darstellung zweier Regenwürmer erlangte. Mit seinen Zeigefingern. Das hört sich lustig an, spricht aber im positiven Sinne Bände darüber, wie Waschinsky seine Hände in die vielfältigsten Gestalten verwandelt und belebt. Weiterhin Autor vieler Texte für Bühne und Diskurs. Und der Jüngste ist er auch nicht mehr, immerhin feiert er sein 50-jähriges Jubiläum als Puppenspieler und Regisseur mit einer fünftägigen Werkschau an der Schaubude Berlin.

Zugegeben, die Ankündigung ließ Bombiges erwarten: „Das große Ding! Schluss mit dem Puppenspiel als Billig-Trallala“ hieß es. Der selbstgefertige Ankündigungszettel zeigt auf einer Zeichnung das Rote Rathaus aus dem eine Hand ragt, die einer Marionette die Fäden kappt, und eine Bombe, die durch die Marionette in Richtung Rotes Rathaus getreten wird. Wie vieles, was Waschinsky macht: Deutlich.

Waschinsky beginnt den Abend, indem er noch vor seinem Auftreten eine Dokumentation über ihn selbst abspielen lässt. Diese unterbricht er nach wenigen Minuten, indem er auf die Bühne poltert und meckert, man solle den Scheiß ausmachen. Ein Selbstdarsteller, ja. Aber immerhin mit einer gehörigen Portion Selbstironie.

Danach direkt die Hände, allerdings noch entfremdet in roten, langfingrigen Handschuhen, die sich plötzlich in Füchse verwandeln. In wenigen Minuten ist der Boden bereitet; das Staunen über die enorme handwerklich Präzision des Puppenspielers. Der gesamte Abend umfasst ansonsten eine Revue längerer und kürzerer Episoden, Arbeitsproben geradezu. Waschinsky in Person gibt es nur als Schatten, weiterhin kostümiert er seine Waden bisweilen mit dem vielseitig verwendeten Laken. Er hält als sitzender Schattenriss eine Lesung eigener Texte, vielfältige, bissige, ironische, politische Kommentare. Und er lässt es sich und seinen Waden nicht nehmen, mehrfach in HipHop mit Steptanz („rap stance with a little tap dance“) auszubrechen. Begleitet wird er von einer rotgesichtigen Teufels-Handpuppe, die in Dialog mit ihm durch den Abend führt. Manches wirkt etwas abstrus (ein Vortrag über einen schwulen SM-Club mit neonazistischen Tendenzen?) und hinterlässt manchen Zuschauer gelinde ratlos. Die meisten Beiträge jedoch sind flott, durchdacht, ausgefeilt, polemisch, ironisch. Es wird viel gelacht und wissend genickt.

Ein 18-minütiger Videoausschnitt aus der älteren Inszenierung „Hahn im Wahn“ lässt sich nur begrenzt dadurch aufwerten, dass Waschinsky die handgespielten Hühner im Film schließlich vor der Leinwand live hinzukommen lässt. Man hört im Publikum, dass es nicht gleichermaßen einfach ist, für ein Video zu klatschen wie für eine Spielsituation. Darüber hinaus sind die Figuren im Fokus phasenweise etwas schlecht ausgeleuchtet, was aber bei Spielbedingungen, die Schattentheater von der einen und Videoprojektionen von der anderen Seite beinhalten, wohl nachzusehen ist. Dies ist deshalb so schade, weil vor allem in den Spiel-Momenten, die sich voll und ganz auf Waschinskys handwerkliches Geschick verlassen, die anfangs beschriebenen Zartheit wieder aufflackert. Jede Zuckung der Papiermarionette, die den sterbenden Schwan tanzt, sitzt. Trotz der vorhergegangenen Ankündigung: „Mit 67 da tanzt man nicht mehr den sterbenden Schwan.“

Welche Themen halten den Abend zusammen? Es gibt in dem bunten Potpourri viel zum Sein und Leiden des Puppenspielers und dies weit hinaus über das trockene Statement „a puppeteer can do a lot – so what?“. Weiterhin nehmen zwei ewige, unermüdliche Kritik-Themen Waschinskys viel Raum ein. Dass er ein streitbarer Geist ist, lässt sich nicht leugnen und diese Streitbarkeit ist natürlich auch in seiner Inszenierung zu finden. Mit den titelgebenden Bomben ist dementsprechend wohl seine Kritik an eben diesen Themen gemeint. Denn der Gedanke ans Bombenbauen kommt ihm in seiner Wut über die politische Praxis der Kultur-(nicht)-Förderung. Diese karge Förderlandschaft für Puppenspieler ist verheerend, insbesondere was die Möglichkeiten für Ensembleinszenierungen anbelangt.

Weiterhin kritisiert Waschinsky die zeitgenössische Puppenspielkunst wie sie an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch", wo Waschinsky 25 Jahre lehrte, unterrichtet wird, für ihre starke Konzentration aufs Schauspiel statt auf die Figurenführung. Die Inszenierung ist voll mit Verweisen auf diese Kritik. Getreu seinem „Menschen verboten“-Duktus schleicht Waschinsky abschließend hinter einem Tuch versteckt in einem flapsigen Abgang ohne Verbeugung von der Bühne.

Es gibt jedoch ein drittes, ewiges Thema bei Waschinsky; nämlich Waschinsky selbst. Er pflegt nicht nur die Reibung mit der Welt sondern auch die Selbstdarstellung. Er ist nicht nur laut, polemisch, kritisch sondern auch persönlich. Das Problem hieran ist, dass es schwer ist, überladen mit Waschinskys Selbstdarstellung, noch unbelastet in seine Inszenierung zu gehen. Waschinskys Internetpräsenz glänzt nicht gerade vor Bescheidenheit. Generell scheint dies nicht die hervorstechende Tugend des „Ausnahmepuppenspielers“ zu sein. Natürlich will man bei jemandem, der sich durch seine ständige Kritik zu einer gewissen Deutungshoheit aufschwingt, sehen, wie er's selber macht, weil er dadurch den Anspruch an die eigene Inszenierung erhöht. Und dann steht in dieser Inszenierung die Selbstdarstellung im Mittelpunkt. Sie eröffnet den Abend und sie ist eigentlich der einzige rote Faden, der den Abend inhaltlich zusammenhält – abgesehen davon, dass seine Einzelteile ein wunderbares Unterhaltungsprogramm darstellen.

Dies führt zu einem leisen Paradox: Waschinsky zeigt sich nicht und steht dennoch im Mittelpunkt. Man sagt ja gern, Schauspieler seien Selbstdarsteller. Umgekehrt ist natürlich nicht jeder Selbstdarsteller ein Schauspieler. Bei Waschinsky tritt der Unterschied so deutlich ist Bild, weil er ununterbrochen auf sich verweist und dann verweigert, sich zu zeigen. Paradoxerweise kann die Selbstdarstellung, im Sinne von Selbstbezogenheit, die Waschinsky praktiziert, den eitelsten Schauspieler an die Wand schmettern. Natürlich geht es in der Kunst auf einer bestimmten Ebene immer um das Ich des Künstlers. Aber dieser Selbstbezug von jemandem, der mit lauter Stimme Ensembleinszenierungen fordert? Auch ein interessantes Detail ist, dass die Verweigerung des Schauspiels zugunsten des Figurenspiels ein solch großes Thema ist und dann ein so großer Teil des Abends mit Videoausschnitten gefüllt wird.

In dem Moment, in dem sich die Selbstironie vor lauter Meta-Ebenen totläuft, fragt man sich, ob man über eine Inszenierung Peter Waschinskys schreiben kann, ohne über Peter Waschinsky zu schreiben. Nach dem heutigen Abend zumindest fühlt es sich unmöglich an, so dicht gestreut sind die Selbstverweise. Ja, sie sind oft ironisch. Doch ist ja auch eine ironische Selbstbetrachtung am Ende eine Selbstbetrachtung. Sie ist meist sehr amüsant und unterhaltsam, bitter und bissig. Sie darf als Resümé nach 50 Jahren durchaus sein. Aber die Bombe im Rucksack des Abends trägt bei allem visuellen Versteckspiel den Namen Peter Waschinsky.

 

Premiere: 25. Mai 2017

Text (Dialoge, Liedtexte): Peter Waschinsky
Regie: Peter Waschinsky
Spiel: Peter Waschinsky
Puppen: Peter Waschinsky
Dauer: 75 Minuten

2 Kommentare
Kerstin Otto
01.06.2017

"Bombig"

Ich stimme mit Janina Reinsbach in der Bewunderung für Waschinskys Puppenspiel überein. Angesichts der Länge der Rezension habe ich jedoch manches vermißt, vor allem eine Bewertung seiner durchweg eigenen und für mich bemerkenswerten Texte in „Bombig!“, von denen er einige pur vorlas – selbst nur als Schatten zu sehen – ohne daß ich die visuelle Seite vermißt habe.
Aber trotz z.B. des Erfolgs mit gerappten Steppnummern ,bleibt er in der Hauptsache beim Puppenspiel. Für dieses zieht er nunmal ins Feld – ich finde deshalb seine Attacken und damit auch seine gewählte Form angemessen.
Dazu zeigte er, wie eine Ensemble-Eigenproduktionen der Schaubude aussehen könnte, wenn Geld da wäre, mit dem „Hahn im Wahn“-Video-Ausschnitt, dessen Qualität und Humor das Publikum goutierte, was Janina Reinsbach gegenteilig darstellt.
Ebenso anders als sie habe wohl nicht nur ich Waschinskys starke Präsenz trotz „nur“ Schattendasein als adäquat empfunden – auch seinen Verbeugungs- und Enthüllungs-losen Abgang.
Daß Janina Reinsbach ein Drittel (!) der Rezension für die ausgewalzte Schilderung von Waschinskys Eitelkeit, Selbstdarstellerei, Egomanie verwendet, ärgert mich. Auch ihre Verweise auf seinen Internetauftritt u.a. finde ich unangemessen. Ein Rezensent sollte die Aufführung bewerten, nichts anderes.
Peter Waschinsky
30.05.2017

"Bombig!"

Nur ein paar Sach-Infos: Alt sind in „Bombig!“ nur die kurz angespielte Papierballerina und die im Anfangsvideo gezeigten „Regenwürmer“ – die 8 Nummern der Revue sind alle neu, ebenso alle vorgelesenen Texte, ich wollte mit 67 noch einmal einen neuen Soloabend stemmen. Waschinsky-Positionen behandelten einige Zwischentexte, vor allem gegen das häufige Ausweichen auf Schauspiel im Puppenspiel und die der Schaubude von der Politik gestohlenen Finanzen z.B. für Ensemble-Inszenierungen (Sind das nur meine Probleme?) „Egozentrisch“ wurde es, als ich im Video die ehem. Schaubudenchefin zeigte, die mich anno 2000 als „Legende“ hochlobte und – mich danach fast völlig aus dem Haus verbannte, unter besonders merkwürdigen Umständen auch mit „Hahn im Wahn“, den ich als Beispiel einer Ensemble-Arbeit als Video-Ausschnitt zeigte. Mehr Videos gab‘s nicht.
Für „Bombig!“ wie die gesamte 5-Tage-Werkschau in der Schaubude gab es keine finanzielle Unterstützung.

Ansonsten finde ich die Fidena-Kritik überwiegend qualifiziert und werte sie als Anregung zur Verbesserung.

Zum Vergleich - eine Tageszeitung resümiert ohne jede Kritik an „Waschinsky-Zentrismus“:
„Er hat es geschafft - nämlich Wut in Kunst umzuwandeln.“

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