Die aktuelle Kritik

Schaubude Berlin: "Anima - Vom Beseelen der Dinge"

von Tom Mustroph

Die Verwandlung des Bühnenraums in eine Wesenheit - ein bemerkenswertes Experiment.

 

Erste Schritte auf dem Holodeck

Neue Wege beschreiten Simon Bauer, Simon Krahl und Rike Schuberty definitiv. Zunächst einmal knipsen sie über die gesamte dreistündige Dauer dieser szenischen Installation weitgehend das Licht aus. Nur einzelne Objekte, Spieler und Puppen werden mit kargem Schein zu bestimmten Momenten herausgehoben. Meist jedoch sind sie Schemen, geheimnisvolle Silhouetten, die entstehen, weil sie etwas Streulicht von der Projektion abbekommen.

Die ist das zweite wichtige Element dieses Abends. Fast die komplette Größe der Bühne nimmt die transparente Projektionsfolie ein. Sie reicht vom Boden bis zur Decke und lässt an beiden Seiten nur wenig Platz. Direkt an der imaginären Rampe installiert kann man sie als Betonung, als sphärische Verkörperung der vierten Wand betrachten. Sie ist aber vor allem ein skulpturales Element: das erste beziehungsweise je nach Projektionsrichtung letzte Hindernis, auf das die Lichtstrahlen der Bildwerfer treffen und das sie damit als eine Raumschicht hervorheben.

Die Projektionen selbst (Video: Simon Krahl) sind eher simpel. Nahaufnahmen einfacher technischer Vorgänge wie des Auswechseln einer Batterie. Das visuelle Abtasten mal eher künstlich-technischer, mal eher lebendig wirkender Oberflächen wie Fell und Haare. Auch minimalistische Animationen sind zu sehen. Ein aus Kugel und Ring bestehendes Objekt gleitet etwa über eine planetare Oberfläche.

Bei den Projektionen kennen Videokünstler Krahl und Klangkünstler Bauer leider nur einen Modus: Die Objekte sind groß aufgeblasen, die Handlungen künstlich verlangsamt. Dazu erklingen pathetische Elektro-Klänge, die zwischen Erhabenheit und Hohlheit changieren. Mehr Variation, mehr Rhythmuswechsel und Mut zur Stimmungsdramaturgie wären hier schön gewesen.

Aber das beeinträchtigt den Gesamteindruck nur wenig. Denn der größte Reiz dieser Rauminszenierung (Bühne: Susanne Münzner), die das "Beseelen der Dinge" schon in ihrem Untertitel mitführt, liegt in der Wechselwirkung zwischen Projektionswand und den Menschen, Wesen und Dingen dahinter. Ist man zuweilen komplett in die Projektion eingetaucht, so hebt plötzlich der Strahl einer Lampe eine Puppe heraus. Eine sehr alt wirkende und menschliche Form aufweisende Puppe (Puppenbau: Suse Wächter, Ulrike Langenbein) wechselt etwa die Stellung zwischen Sitzen und Liegen und erzählt dabei von Körperkonfigurationen halb ingenieurstechnisch hergestellter, halb organisch entwickelter Systeme. Über die Stimme von Schuberty, die diese Puppe führt, ist zudem ein Stimmverfremdungsfilter gelegt.

Wenn Schuberty eine zweite Puppe, die Figur eines jungen Mädchens jetzt, zu einem anderen Abschnitt des Spiels unmittelbar hinter der Projektsfolie im Lichte des Bildes eines sich einrollenden flachen Objekts führt, vermischen sich ihre natürliche Stimme und die hier zu einer wieder anderen Tonlage verfremdete künstliche Stimme. Einmal geht sogar der Stimmenmodulator nicht rechtzeitig an; diese - womögliche - Panne ist aber reizvoll, weil in einem kurzen Moment das gesamte Panorama zwischen Künstlichkeit und Natürlichkeit aufgerissen wird.

Aus größerer Entfernung zur Bühne, wenn man die Konturen der Puppenspieler so gut wie gar nicht mehr erkennt und daher keinen Größenmaßstab mehr hat, ist man sich bei den sparsam bewegten und genauso sparsam aus dem Dunkel geholten Figuren zuweilen gar nicht mehr sicher, ob es sich um maskierte menschliche Spieler oder um Puppen handelt. Das "Beseelen" durch Anschauung funktioniert hier prächtig.

Der narrative Rahmen von "Anima" (Text: Henning Bochert) bezieht sich auf ein leicht havariertes Holodeck, das einzelne Raumkonfigurationen erzeugt und dabei in einen mal technisch betrachtenden, mal geradezu philosophisch suchenden Modus verfällt. Auch das ist ein guter Grundeinfall; nur hätte man sich auch hier inmitten des erhabenen Bild- und Soundwaberns auch andere Tempi und Rhythmen gewünscht. So lässt man sich denn einfach hineingleiten in die sphärische Konstellation und nimmt die Einladung, auf den vorn ausgelegten Sitzsäcken hinwegzudämmern, auch an. "Anima"-Raum und Traumraum vermischen sich, was keine schlechte Erfahrung ist.

Bauer, Krahl und Schuberty wagen sich auf von Puppenspielern bisher kaum erkundetes Terrain vor. Sie erkunden dabei die Dimensionen des Raums. Die drei Dimensionen von Breite, Höhe und Tiefe, aber auch die Dimension der Zeit - ihres Ausdehnens und Zusammenziehens. Und sie erkunden, welche Erzählstrategien möglich sind anhand der immer smarter, immer intelligenter werdenden Dinge rings um uns herum. Erlauben sie Narrationen des Beseeltseins? Werden wir in Zukunft statt mit den Figuren von dramatischer und epischer Literatur, von Comic und Poesie mit den Geistern von Maschinen umgeben sein und mit ihnen real zeichenhaft und/oder metaphorisch kommunizieren müssen? "Anima" reißt einen ganzen Denk- und Assoziationsraum auf. Trotz der gelegentlichen Betulichkeit im Agieren ein großer Schritt, eine bemerkenswerte Einladung.

 

Premiere: 9. Februar 2017

Schuberty Krahl Bauer in Koproduktion mit Schaubude Berlin
Text: Henning Bochert
Von: Simon Bauer, Simon Krahl, Rike Schuberty
Bühne, Kostüm: Susanne Münzner
Puppen: Ulrike Langenbein, Suse Wächter
Fotos: Simon Krahl
Produktionsleitung: Cornelia Winkler
Gefördert von: Fonds Darstellende Künste e. V., Senatskanzlei für Kulturelle Angelegenheiten - Kofinanzierungsfonds, Residenz schloss bröllin e.V., Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern und dem Landkreis Vorpommern-Greifswald

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