Festivals/Events

Pressemitteilung zur FIDENA 2018

16. März 2018

60 Jahre Figurentheater der Nationen - vom 9. bis 18. Mai 2018 im Ruhrgebiet.

"Kleist und Goethe haben uns gelehrt, dass wir von Theater nichts verstehen können, wenn
wir keine Wertschätzung tragen für das Puppentheater. Da liegt eben die Basis für die Auseinandersetzung des Menschen mit dem Theater, und das stellt das FIDENA Festival
seit vielen Jahren unter glänzenden Beweis. Deshalb ist es, war es und bleibt es für mich
eines der wichtigsten Festivals im deutschen Bereich."
(Gerard Mortier, Januar 2014)

FIDENA feiert Geburtstag. Das Festival, das zu den wichtigsten und innovativsten in der internationalen Szene des Figurentheaters gehört und alle zwei Jahre aufs Neue die Genregrenzen bis zum Anschlag auslotet, wird 60 Jahre alt. Die FIDENA beschenkt sich und das Publikum vom 9. bis 18. Mai 2018 mit einem Programm, das internationale Stars, herausragende Newcomer und verblüffende Entdeckungen der Figurentheater-Szene im Ruhrgebiet versammelt. Dazu zählen auch Filmemacher*innen und bildende Künstler*innen, die sich mit Figur, Objekt und Material performativ auseinandersetzen. In Bochum, Essen, Herne und Hattingen werden in 55 Veranstaltungen 33 Produktionen aus 13 Ländern an 12 Spielorten präsentiert. Das Spektrum reicht von der großen Bühne bis zur intimen Zimmeraufführung. Zwei Auftragsproduktionen für das Jubiläumsfestival sind als Uraufführungen zu sehen und fünf weitere Produktionen stehen als Deutsche Erstaufführungen auf dem Programm. Die Künstler*innen und Kompanien kommen aus Argentinien, Australien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Israel, Italien, Kongo, Niederlande, Norwegen, Spanien und USA.

Das Programm 2018 steht unter dem Titel resist und zeigt sich politischer und textbasierter als in den Vorjahren. Mehrere Produktionen befassen sich mit “female resistance”, andere mit bürgerlichem Protest oder politischem Widerstand und einige erinnern an historische Widerstandsbewegungen. Erstmals arbeitet das Festival mit Übertitelungen, um diese internationalen Produktionen auch in Deutschland zeigen zu können, denn manchmal braucht es das Wort um etwas auf den Punkt zu bringen.

Zur Eröffnung am 9. Mai in Bochum erwartet das Publikum eine partizipative Galaparade im Herzen Bochums. Angeführt wird sie von „Punch Agathe“, dem größten Kasper der Welt. Als Superheldin, unberechenbar und rebellisch, mit Brennlanze, Bohrmaschine und Sprengstoff ausgestattet, ständig begleitet von ihrem Nilpferd, eilt sie um den Globus. Beteiligt an der transnationalen Produktion sind Espace Masolo aus Kinshasa und Australiens führende Figurentheater-Company Snuff Puppets und – FIDENA-Fans ahnen es bereits – auch die Stuttgarter Figurenspielerin und Regisseurin Stefanie Oberhoff hatte bei dieser Auftragsproduktion der FIDENA ihre Finger im Spiel.
Zur Parade, die von der Rotunde zum Schauspielhaus Bochum führt, sind übrigens alle Zuschauer*innen eingeladen ihre Handspielpuppen und Marionetten mitzubringen und sich unter das anarchische Treiben von „Punch Agathe“ & Co zu mischen.

Im Anschluss an die Parade folgt in den Kammerspielen die Vorstellung mit dem längsten Titel des Festivals: „Jake and Pete’s Big Reconciliation Attempt for Disputes From the Past“ der Brüder Jakob und Pieter Ampe aus Belgien. Der eine ist Tänzer und Choreograf, der andere Musiker und Sprachtherapeut. Mentor Alain Platel half ihnen bereits 2011, diese erstaunliche Arbeit zwischen Tanz-, Musik- und Objekttheater zu verwirklichen, in der sie ihrer gemeinsamen Vergangenheit auf die Schliche zu kommen versuchen – mit einer ansteckenden Neigung zu absurdem Humor.

Die zweite Auftragsproduktion ist „Carbon – eine kleine Weltreise der Kohle“. In Kooperation mit den RuhrKunstMuseen konnte die FIDENA die renommierte Dresdner Compagnie Freaks und Fremde von Oelsnitz über das Ruhrgebiet nach Kolumbien schicken. Porträts, Fantasien und vertrackte Szenen umkreisen das Thema Kohlebergbau und seine globalen Spielformen. Hier das Ende des „Steinkohlezeitalters Ruhr“. Dort die Erinnerungen an die Helden der Steinkohle im Erzgebirge. Kein Trauerstück, sondern ein Stück Leben in Bildern und Originalton, gespielt und erzählt mit Objekten und Projektionen durch eine Theatermaschine, wie sie im 19. Jahrhundert auf Jahrmärkten genutzt wurden.

Aus Frankreich stehen vier Produktionen auf dem Programm, darunter die Deutsche Erstaufführung „Das kleine Theater vom Ende der Welt“ vom Théâtre de la Massue. Ezéquiel Garcia-Romeu manipuliert in einer Kiste Apparate, Überbleibsel einer technologischen Vergangenheit und eine seltsame Galerie von Figuren. Und die Betrachter*innen entdecken eine Welt voller Widersprüche, voller Leben und Wesen, die auf ihr Schicksal warten. Die französische Theaterkritikerin Stéphanie Ruffier schwärmt von der Konsequenz Garcia-Romeus: „Er extrahiert aus dem Rohmaterial die ultimative Bewegung, die letzte Gnade. Es ist wunderschön, ergreifend.“

Ebenfalls aus Frankreich kommt „Ein Geheimnis der Straße“ der Compagnie Papièrthéatre und bietet eine Begegnung mit den Möglichkeiten und der Zartheit des Papiertheaters. Die Adaption eines Romans der vielfach ausgezeichneten iranischen Autorin Fariba Vafi dreht sich um die Lebenswelten von Frauen in Iran und wurde für die FIDENA erstmalig ins Deutsche übersetzt. Das Stück arbeitet mit 600 Flachfiguren, die aus tausenden von Fotos des renommierten Fotografen Abbas Kowsari ausgewählt wurden. Für die Deutsche Erstaufführung haben 12 Sprecher*innen im Vorfeld die deutschen Texte im Studio eingesprochen.

Auch Italien ist in diesem Jahr stark bei der FIDENA vertreten. „Wenn die Frauen in Italien gegenüber den Männern so deutlich benachteiligt sind – was die Daten von Eurostat und dem Weltwirtschaftsforum belegen – warum revoltieren sie nicht, wie einst die Feministinnen?” Mit dieser Frage im Kopf griff Marta Cuscunà für ihr Stück „Sorry, Boys“ einen realen, spektakulären Fall aus dem Jahr 2008 auf. Damals wurden in dem US-amerikanischen Dorf Gloucester 18 Schülerinnen gleichzeitig schwanger, mit der Idee, ihre Kinder in einer weiblichen Gemeinschaft aufwachsen zu lassen. Cuscunà hat daraus ihre „Dialoge über ein geheimes Abkommen für zwölf Köpfe“ entwickelt. Dieser dritte Teil ihres Projekts über weiblichen Widerstand ist in Bochum als Deutsche Erstaufführung zu sehen.

Eine von drei spanischen Produktionen ist die Deutsche Erstaufführung von „The Homes of Latung Lala“ der Companyia David Ymbernon. Ymbernon verwandelt europaweit private Räume in Orte, die offen sind für Kunst, für Staunen und Phantasie. In dieser intimen Aufführung kreieren Musik und Licht eine magische Atmosphäre, in der die Performer*innen, spielenden Kindern gleich, ein sich wandelndes Universum gestalten aus Spielzeug, Schachteln, Puppenhäusern, Küchenuntensilien, Figurinen, Früchten, Federn...

Akrobatisch, komödiantisch, privat und politisch – in diesem Spannungsfeld bewegt sich die erstaunliche Entdeckung aus Israel: Die Deutsche Erstaufführung „23 Thought About Conflict“ stammt vom Worst Case Scenario, einer Kollaboration von vier unabhängigen israelischen Künstler* innen aus den Bereichen Performance, Zirkus und Musik. Sie präsentieren ein Archiv von 23 Gedanken über die unglaublichsten Konflikte, die sie ein Jahr lang gesammelt haben. Und jeden einzelnen Konflikt hat es tatsächlich gegeben.

Viele Inszenierungen liefern in diesem Jahr deutliche politische Statements. Der Australier Neville Tranter, the King of Puppetry, präsentiert „Babylon“, sein aktuelles Stück über Schlepper und einen ganz besonderen Flüchtling, über das Gelobte Land und religiösen Unfug. Tranter at his best: schwarzhumorig und blasphemisch. „A House in Asia“ ist das meistobservierte Haus unserer Zeit – das Haus von Osama bin Laden in Abbottabad. Die Agrupación Señor Serrano aus Barcelona mischt in ihren Arbeiten Live-Videos mit Maßstabsmodellen, Texten, Performances, Sound, Videospielen und Objekten und zeigt uns ein schonungsloses Pop-Porträt jener Dekade, die auf 9/11 folgte. Mit Mariano Pensotti und der Grupo Marea ist zum allerersten Mal eine Kompanie aus Argentinien bei der FIDENA zu Gast. In „Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht“ spürt der in Buenos Aires geborene Autor mit Puppenspiel, Schauspiel und Film den Folgen der Russischen Revolution nach. Welche Relevanz besitzen gewisse Ideen der Russischen Revolution nach 100 Jahren noch, nicht zuletzt Lenins unvermindert aktuelle Frage: Was tun?“x

FIDENA ist nichts für Kinder? Naja, also jedenfalls beileibe nicht nur, soviel steht fest. Aber was bei der FIDENA für Kinder und Jugendliche auf dem Spielplan steht, lässt alle Kasperltheaterklischees weit hinter sich. „Bomba Mix“ zum Beispiel ist ein regelrechter Aufruf zur Spielzeug-Revolution! Denn wer sagt, dass Rosa nur ins Mädchenzimmer will, Smileys immer gute Laune haben und der Traktor nicht auch Schmuseeinheiten braucht? Auf herrlich anarchische Weise hinterfragen Ximena Ameri und Alfredo Zinola die Marketingstrategien der Spielzeugindustrie und tradierte Geschlechterrollen. Gemeinsam mit Maxwell McCarthy lädt Alfredo Zinola außerdem alle Kinder auf den Dance Floor ein: Eine Performance zum Mitmachen, sagen die einen. Wir sagen: „Party“. Kein Herumsitzen und Zuschauen, kein Chillen, nur Freude und maximale Energie. Alfredo Zinolas Stücke haben Seltenheitswert: Sie richten sich an Kinder unter sechs Jahren, ohne klassische Erzählstrukturen zu bedienen. Ein interaktiver Mix aus Bewegung, Körper, Licht und Kostüm.

Das britische Figurentheater Pickled Image steht für Produktionen, die vor schwarzem Humor strotzen. So auch in ihrem Stück „Coulrophobia – Fear of Clowns“. Dik und Adam sind Clowns, aber sie finden den Ausweg nicht. Aus der Papiertüte. Und überhaupt aus dieser ganzen surrealen Pappwelt. Eine irrwitzige Show voller Slapstick, Hysterie, Puppenspiel und viel Pappe.

Ein generations- und spartenübergreifendes Erlebnis ist die Inszenierung „Besuchszeit vorbei“ vom Theater Junge Generation Dresden. Regisseur Ariel Doron (legendär seine anarchische Hitlerpuppe bei der FIDENA 2016) inszeniert ein Event, das zwischen Theater und sozialem Experiment oszilliert. Wo man sonst bemüht ist, Puppen auf der Bühne zum Leben zu erwecken, werden hier innerhalb einer Stunde 30 Puppen hingerichtet. Die Show provoziert eine Konfrontation im Kopf der Zuschauer*innen.

Das Festivalzentrum findet dieses Jahr in der neu eröffneten Bochumer Rotunde seine Heimat. Für das leibliche Wohl wird hier gesorgt, aber vor allem gibt es Raum für Begegnungen, Partys und täglich ein performatives Nachtprogramm. Der Rahmen der kurzen Aufführungen ist weit gespannt – von dionysischen Verfahren über Karaoke bis zur Puppenrevue, von Kreaturen aus Klärschlamm über Lindy Hop bis zur kettenrauchenden Kult-Puppen-Gräfin. Alles was Spaß macht!

Während des Festivals findet außerdem die Internationale Räteversammlung der UNIMA in Bochum statt. UNIMA (Union Internationale de la Marionnette) ist die älteste Theaterorganisation der Welt und eine an die UNESCO angegliederte NGO. Mehr als 250 Vertreter*innen und Repräsentant*innen aus allen Regionen der Welt werden fünf Tage lang in Bochum zu Gast sein.

 

 

Seit 1958 gehört das Festival „FIDENA – Figurentheater der Nationen“ zu den populärsten Aktivitäten des Deutschen Forums für Figurentheater und Puppenspielkunst e.V. Gezeigt wurden inzwischen über 1000 Vorstellungen aus rund 50 Ländern. Das internationale Festival erhält zum Jubiläum wichtige Unterstützung durch die Kulturstiftung des Bundes und viele andere, es wurde von den Stadtwerken Bochum zum Zukunftsprojekt erklärt und zählt zu den Höhepunkten im kulturellen Leben der Stadt und der Region.

Geschäftsführerin und künstlerische Leiterin ist die Regisseurin Annette Dabs.