Künstler / Akteure

Nachwuchs im Portrait: Winnie Luzie Burz und das Theater der Stimme

von Tobias Prüwer

Vor ihrem Studium des Figurenspiels in Stuttgart absolvierte die junge Schwäbin eine Ausbildung in klassischem Gesang. In eigenen Arbeiten führt sie beide Welten zusammen.

 

Theater der Stimme

„Diese bezaubern / Alle sterblichen Menschen“: Hinunter ins Seemannsgrab, wo die Sirene wartet. Selbstverliebt lasziv rekelt sich die Nixe in ihrem nassen Zuhause umgeben von sphärischem Gesang, blau strahlendem Luftblasenblubbern und lockendem Lichtspiel. Sie verdreht erst einem roten Plastikmatrosen den Kopf, versucht ihre Wellenwelt zu verlassen, sich Beine wachsen zu lassen und sucht schließlich nach den richtigen Tönen und Klängen, indem sie Metallbleche in Schwingungen versetzt. Und nicht nur diese. Als berührend, mysteriös, nicht von dieser Welt, begeistert die Produktion „Silent Siren“, die Abschlussarbeit der studierten Figurenspielerin Winnie Luzie Burz.

Burz ist ganz und gar nicht leise, fasziniert im Gegenteil gerade mit ihrer beeindruckenden Stimme. Ganz unerwartet für das Publikum kommt sie zum Einsatz. Während man zum Beispiel dicht dran steht an der Sirene, entfahren ihr einzelne klare Töne, die schließlich zum hoch klingenden Gesang werden. Diese Zusammenführung von Stimme und Figurentheater ist kein Zufall, sondern Handschrift der Spielerin, die jüngst auch im Figuren-Menschen-Experiment „Frankenstein“ zu sehen war. Denn sie kommt aus der Musik. „Ich habe von Klein auf musiziert“, sagt die im Großraum Stuttgart Geborene, die in einem Einsiedlerhof auf dem Land aufgewachsen ist. „Die Waldorfschule hat mich sicherlich auch geprägt mit ihren Möglichkeiten zur künstlerischen Entfaltung. Mir war früh klar, dass ich Musik in einem professionellen Rahmen machen will und auf die Musikhochschule gehen würde.“

So kam es, Winnie Luzie Burz studierte klassischen Gesang. Wegen einer Professorin entschied sie sich für die nahe Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart – zum Glück. „So nach dem sechsten Semester habe ich gemerkt, dass Gesang allein für mich nicht reicht.“ In einem Urlaubssemester hat sie sich umgeschaut, was es noch für sie geben könnte. „Ich wollte aus der Klassik mit ihrer für mich engen Begrenzungen heraus, und beim Ausbrechen habe ich das Figurentheater für mich entdeckt. Zum Sommerfest an der Hochschule sind Riesenmenschen rumgelaufen. Das fand ich irre und wurde durch sie auf den Studiengang Figurentheater aufmerksam. Dass dort auch das Bildnerische mit dabei ist, fand ich interessant und entschied, das auch zu studieren.“ Und sie schloss in beiden Fächern ab.

Am Medium Figurentheater schätzt Burz die „unglaubliche Freiheiten, aus sich selber zu schöpfen“. Sie nennt es ihr „Land unbegrenzter Möglichkeiten“. Und das will sie jetzt entdecken. „Ich hab viele Ideen, und freue mich, die in den nächsten Jahren umsetzen zu können. Die haben sich angestaut und ich würde sie gern umsetzen ohne die Angst, nicht gefördert zu werden. Das Thema Geld ist halt leider superpräsent, da würde ich gern etwas unabhängiger werden. Der Bachelor hat mich schon ordentlich ins Minus gerissen, allein durch die Materialien.“ Auf ihrer Entdeckungsreisen will sie momentan auf eigenen Füßen antreten, schließt aber das späteres Engagement in einem Ensemble nicht aus.

Burz, die auch als Gesangspädagogin unterrichtet, hatte eine Phase, in der sie sich sagte: „Ich singe nie wieder.“ Aber das habe sich schnell als unrealistisch erwiesen. „Es war gar keine Frage, ob ich singe oder nicht. Ich habe schon immer gesungen.“ Gesang ist Teil ihrer Ausdrucksweise, ohne dass sie es besonderes künstlerisches Mittel begreift. „Für mich ist es so natürlich, diese Stimme zu haben. Das bin ich, das ist keine Puppe, die Stimme ist für mich kein Extra.“ Ihren künstlerischen Ansatz nennt sie „Theater mit Stimme, ohne dabei Oper zu sein“. Daran hat sie schon mit ihrer Studienarbeit „Epiphanie“ gefeilt, wo sie Alltagsobjekte und elektronische Live-Musik zusammenbrachte. „Dort hat Klang einen Ort bekommen.“

Die Kombination aus Stimme und Figurentheater interessiert sie weiter: „An der Schwierigkeit, Klang zu visualisieren, bin ich dran. Wie weit können Gesang und Klang auch eine Art Figur sein? Wie gewinnen sie Figürlichkeit oder werden Gegenspieler zur Figur?“ In „Silent Siren“ sind es neben ihrem Gesang Klangplatten, die sie in Schwingungen versetzt. Mit einer Körperschallwand bekommen diese Impulse und bewegen sich. „Sie werden durch den Klang zu Wesen, die zu interagieren scheinen. Der Klang wird visuell und haptisch. Da bin ich dann ganz dicht dran am Objekt- und Materialtheater.“

Über das Thema Stimme kam sie auch zum Stoff für ihre Bacherlorarbeit. Bei der Frage, was es für mythologische Wesen gibt, wo die Stimme entscheidend ist, sei sie sofort auf die Sirene gestoßen. „Der Mythos ist sehr dunkel, die Sirene hat die stärksten Männer in den Tod gesungen. Aber ihre Stimme hat ja nie ein Überlebender gehört. Wie klingt eigentlich eine Sirene?“ Neben diesem Mythos gibt es viele Bzüge zur Sirene bis zum Kleine-Meerjungfrau-Klischee von „Arielle“. „Zwischen diesen Polen habe ich mich bewegt.“

So treibt Winnie Luzie Burz ihre, ja: Sirenade zum fesselnden Spiel, bei der Gesang nur eines ihrer Lockmittel ist. Lose narrative Elemente – am in den Abgrund gelockten Seemann entdeckt die Meerjungfrau Beine, reißt sich den Schwanz auf, um zum Zweibeiner zu werden – sind ins Spiel um das Spiel willen integriert. Wunderschöne Bilder fügt Burz über drei Stationen, das Publikum bewegt sich geführt durch den Raum, zusammen. Kongenial steuert Johannes Treß live erzeugte Klangteppiche bei, zu denen sich die Sirene und ihre Stimme verhalten. Die Performance ist dabei ganz auf dieses abwesend-anwesende Wesen fokussiert, alle Effekte geben ihm Gestalt, lenken nicht davon ab. Anmutig und erotisch, sehr physisch und fragil, herzergreifend und fremd-distanziert wirkt diese Flossenfrau alles auf einmal, der Burz Körper, Ausdruck und Stimme verleiht.

 

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