Museen

Mitspielen und Entdecken: Das Museum für PuppentheaterKultur in Bad Kreuznach

von Max Florian Kühlem

Oberstes Ziel des PuK-Leiters Markus Dorner ist nicht, seine Räume und Vitrinen so voll wie möglich zu stellen, sondern Interessantes interessant zu präsentieren.

 

Mitspielen und Entdecken

„Das PuK ist für mich das schönste Figurentheater-Museum in Deutschland. Ich war bisher dreimal im PuK zu Gast und habe dabei Besucher erlebt, die spitze Begeisterungsschreie ausstießen, als sie Figuren aus TV-Sendungen ihrer Kinderzeit entdeckten. Andere wieder standen voller Hochachtung vor Exponaten, die sie nur aus Abbildungen kannten, oder erinnert sich plötzlich voller Begeisterung an Vorstellungen und Spieler, in denen sie diese Figuren einmal live erlebt hatten.“
(Wolfgang Buresch – Puppenspieler, Autor und Regisseur)

„Das Schicksal der Dinge ist die unaufhaltsame Verwandlung in Müll. Wir Puppenspieler aber glauben an das Leben der Dinge. Und mit viel Glück kommen manche unserer dinghaften Mitspieler dereinst in den Himmel – das Museum. Wie gut, wenn sie da von jemand empfangen und betreut werden, der ihr Geheimnis mit Leib, Seele und Humor zu bewahren, zu vermitteln und zu beleben weiß.
Lieber Markus, du leitest nicht nur eine „himmlische“ Institution, du bist für uns längst im besten Sinne selbst eine - als Puppenspieler, Museumsleiter, Veranstalter und Gastgeber, als aufmerksamer Bewahrer und belebender Vermittler zwischen Kollegen, Verbänden und Traditionen!
Darüber freuen sich immer wieder und danken dir Deine Thalias Kompagnons!“

(Tristan Vogt und Joachim Torbahn)

Als Markus Dorner 2004 das Museum für PuppentheaterKultur (PuK) in Bad Kreuznach konzipierte, dessen Leiter er heute ist, da hatte er auch den neugierigen Jungen im Kopf, der er selber war. Ein offenes, spielerisches Haus sollte es werden. Eine gewisse Publikumsnähe sollte ihm nicht abgehen. „Wir beantworten hier Fragen, die Lieschen Müller sich stellt“, sagt er: „Wie geht das?“, „Wo steht der Puppenspieler, wie zieht er die Fäden?“, „Wie stellt sich Figurentheater heute dar?“ „Wie schwer ist eine sizilianische Marionette?“ Sehr schwer sei sie nämlich. Bis zu 20 Kilogramm.

Als bei dem jungen Spross einer Bäcker-Familie das Interesse für das Puppenspiel beziehungsweise Figurentheater erst einmal geweckt war, da wollte er alles wissen über diese Kunstform. Markus Dorner hat Spieler gelöchert, Zeitungsartikel gesammelt, ist zur Puppentheater-Ausstellung in München gereist. „Man musste damals noch irgendwo hinfahren, um Informationen zu bekommen“, sagt er kopfschüttelnd, „heute muss man sich ja eher vor einer Informationsflut schützen.“

Nicht verstaubt

Deshalb ist Markus Dorners oberstes Ziel nicht, seine Räume und Vitrinen so voll wie möglich zu stellen, sondern Interessantes interessant zu präsentieren. Hell und licht ist das Haus, nicht verstaubt. „Wenn Sammler kommen, sagen sie manchmal: Es ist viel zu wenig ausgestellt. Andere Fachbesucher heben hervor, man merkt, dass ein Puppenspieler das Museum eingerichtet hat.“ Damit treffen sie ins Schwarze, denn neben seiner Tätigkeit als Museumsleiter ist der in der Pfalz lebende Franke mit seinem Dornerei-Theater mit Puppen selbst als Spieler unterwegs. „Der Spieler muss die Puppe lebendig machen“, weiß er. Und darum geht es auch im PuK in erster Linie – ums Mitspielen.

Als er bei der Konzeption an die potentiellen Besucher des Hauses dachte, hatte er auch sich selbst im Hinterkopf: „Ich bin ein ungeduldiger Museumsbesucher: Ich lese nie lange Texte.“ Natürlich gibt es welche im PuK-Museum, aber sie dominieren nicht. Sie sind kurz und präzise oder die Exponate erklären sich aus ihrer Art der Präsentation selbst, ohne viel Worte.

Nach Bad Kreuznach gekommen ist Markus Dorner auf ganz prosaische Weise: Er bewarb sich auf eine ausgeschriebene Stelle. „Man suchte jemanden, der Theorie und Praxis des Puppenspiels verbindet“, erinnert er sich. Es ging um die Konzeption der Dauerausstellung. Es ging darum, eine Einrichtung zu gestalten, die es noch nicht gibt. Das reizte ihn. Umso mehr, weil dafür staatliche Gelder bereitstanden. „In Ostdeutschland gab es immer schon staatlich unterstützte Häuser für die Puppentheater-Kultur, in Westdeutschland wurde diese Form einer institutionalisierten Puppentheaterkunst eher stiefkindlich behandelt.“

Sammlung Rother

Grundstock des Museums ist die Puppenspielsammlung mit Figuren von hoher gestalterischer Qualität aus Meisterhand, die der Westfale Karl-Heinz-Rother (1928 – 2010) mit viel Engagement und Idealismus aufgebaut hat. Anlass zu dieser umfassenden Sammlertätigkeit war ein 1976 vom Hamburg-Hohnsteiner Puppenspielmeister Friedrich Arndt eingefädeltes Treffen von Rother mit dem Schnitzer Toll de Kock. Ort dieser Begegnung, inklusive einer ersten Einweisung Rothers in die Arbeitsmethode de Kocks, war dessen Werkstatt im Harz, die Jahre später in Bad Kreuznach zu einem atmosphärisch-wirkungsvollen Ausstellungsobjekt im Museum werden sollte. Bis Dezember 2016 gibt es im PuK-Museum noch die Sonderausstellung über Till de Kock („Der legendäre Figurenschnitzer“) zu sehen.

Aus der Privatsache der Puppenspielsammlung Rother wurde zur Jahrtausendwende eine Angelegenheit von öffentlichem Interesse: Das Land Rheinland-Pfalz kaufte sie an und breitete ihre Schätze erstmals im Jahr 2000 im Koblenzer Landesmuseum auf der Festung Ehrenbreitstein aus: Handpuppen, Marionetten, Stockfiguren, Bühnenbilder, ganze Stück-Ausstattungen, Plakate und Dokumente gehören zu den rund 2000 Sammlungsstücken aus der Geschichte des deutschen Puppentheaters mit Aspekten des internationalen Geschehens.

"Faszination Figurentheater"

Die Ausstellung „Faszination Figurentheater“ wurde in Koblenz zum überraschenden Publikumserfolg und so stand der Gedanken nahe, ihr Potential für ein neues Fachmuseum im Bundesland zu nutzen. So hielt es 2005 Einzug in die Nahestadt Bad Kreuznach, als Grundstock für das Museum für PuppentheaterKultur, kurz PuK, das im denkmalgeschützten Gebäude des Ritterguts Bangert eröffnete – als einziges Puppentheatermuseum Südwestdeutschlands.

Mit seinen Speichern und Lagern bietet das Gebäude aus dem Jahr 1899 Raum für großzügige museale Theaterinszenierungen. Neben der Dauer- und den Sonderausstellungen wird hier auch kontinuierlich im museumseigenen Theatersaal gespielt: Gastbühnen aus Deutschland und dem Ausland, von Thalias Kompagnons bis Pavel-Möller Lück, von Neville Tranter bis zum Hohenloher Figurentheater waren schon dort. Die historische Bausubstanz fügt sich ein, spielt manchmal reizvoll mit, wenn das hölzerne Gebälk der ehemaligen Getreidespeicher auf das hölzerne Werk der deutschen Figurengestalter trifft.

Spannende Sonderausstellungen sind im Museum für PuppentheaterKultur wichtig, weil die 40.000-Einwohner-Stadt nicht unbedingt ein unerschöpfliches Potential an Besuchern hergibt. „Man muss die Leute locken“, sagt Markus Dorner. Das gelingt mit populären Schauen wie „Mozart am Faden“ (2006) oder „Otfried Preußlers Geschöpfe – Vom Buch zur Bühne“ (2013), bei der die Besucher viel über das Verhältnis des Kinderbuchautors zu Puppen und Puppenspiel erfuhren.

Hohe Besucherzahlen

Zwischen 18000 und 20000 Besuchern kommen im Jahr. „Die Zahlen sind seit zehn Jahren gleichbleibend hoch“, stellt Markus Dorner zufrieden fest. „Das wird von der Stadt anerkannt und geschätzt. Es ist schon erstaunlich, dass unser Museum sogar mehr Besucher zieht, als die benachbarte Römerhalle, die immerhin die bedeutendsten Mosaiken der Alpen zeigt.“

Das Team des PuK schafft das mit Probierstationen, bei denen junge wie alte Besucher zum Beispiel eine Theatermaske erstellen können oder durch ein Experimentierfeld, das aus einer zurückliegenden Fachausstellung über die innovativen Truppe „Thalias Kompagnions“ übernommen wurde: Da können Besucher die vertikale Puppenführung ausprobieren, die mittels Videoübertragung zu sehen ist, und erleben einen Perspektivwechsel und den Verfremdungseffekt durch die Kamera. In Bad Kreuznach gelingt museumspädagogische Arbeit und durch außergewöhnliche Führungen wie die nächtliche Taschenlampenführung, in denen der Fokus auf einzelne Figuren gelenkt wird, oder sogar spezielle Führungen für demenzkranke Menschen.

Kunst der Marionette

Ein wichtiger Schwerpunkt des Puppentheatermuseums liegt auf der Kunst der Marionette – die im aktuellen Figurentheater nicht mehr so beliebt ist. Zumindest scheint es so, obwohl sich bekannte Spieler wie Frank Soehnle sich ihr wieder zuwenden. Fest mit dem Museum für PuppentheaterKultur verbunden ist deshalb das Festival „marionettissimo“. „Als ich mich in der Festivallandschaft umschaute, stellte ich fest, dass es keins gibt, dass sich ausschließlich mit der Marionette beschäftigte“, sagt Markus Dorner. Zeitgenössische und moderne Formen stehen bei dem alle zwei Jahren stattfindenden Ereignis (das nächste im November 2016) neben auch geschichtlich interessanten Höhepunkten wie Aufführungen aus der sächsischen Tradition, die zeigt, wie Marionettentheater vor 200 Jahren ausgesehen hat.

Das Thema Marionette wird das Haus auch in Zukunft beschäftigen: „Wir werden ein Marionetten-Fachbuch mitherausgeben“, verrät Markus Dorner, „denn es gibt noch kein wirklich gutes“. Außerdem wird sich das PuK-Museum räumlich ausbreiten: Der komplette Nachlass des 2011 verstorbenen Puppenspielers Prof. Albrecht Roser, dessen erstaunliche Bestände bereits 2007 in der Sonderausstellung „Werkstattphantasie – Bühnenmagie. 55 Jahre Puppenspieler Albrecht Roser“ präsentiert wurde, soll hier in Bad Kreuznach museal aufbewahrt, betreut und aufgearbeitet werden. Mit dessen „Mozart-Storch“, dem kompletten Ensemble von „Gustaf und sein Ensemble“ (darunter Marionetten von Roser und seinem Lehrer Fritz-Herbert Bross), den Puppen unterschiedlicher Techniken aus allen TV-Serien und großen Theaterproduktionen oder echten Bross-Marionetten kann Markus Dorner den einzigartigen Schwerpunkt des PuK noch ausbauen.

 

Hier geht es zum Szene-Eintrag des PuK-Museums.

 

Foto-Credits:
Fernsehsofa und Innen-Aufnahmen: Kai Pelka
Außenaufnahme und Puppen: Gerhard Kind
Historische Aufnahme Rother und de Kock: PuK