Die aktuelle Kritik

Theater Junge Generation: "Besuchszeit vorbei"

von Tobias Prüwer

Ariel Doron teleportiert die Zuschauer in Dresden mitten in die Kampfzone.

 

Malträtierte Puppenköper

„Die Besuchszeit ist vorbei. Ich hoffe, Sie hatten so viel Spaß wie wir Puppen. Bitte gehen Sie jetzt zum Ausgang.“ Ziemlich fassungslos folgen die Zuschauer dem Puppenteenager mit der Piepsstimme. Nach Spaß hat sich die erlebte Stunde nicht angefühlt, die Regisseur Ariel Doron ihnen im Theater Junge Generation (TJG) serviert hat. Die ließe sich vielmehr mit Verstörung, Beklemmung, Rätselhaftigkeit beschreiben. Damit hatte die faszinierende Produktion alles, was der Eröffnungsabend der neuen TJG-Spielstätte vermissen ließ – und stimmte versöhnlich.

Mit „Besuchszeit vorbei“ führt Doron weiter, was er mit „Plastic Heroes“ (unter anderem auf der FIDENA 2016 zu sehen) begann: Erfahrungen von Gewalt fühlbar machen. Nur wohnen die Zuschauer dieses Mal nicht distanziert den mit Spielzeugfiguren dargestellten Konfliktszenerien bei, sondern werden mitten hinein teleportiert in die Kampfzone. Dass passiert jäh, sodass das ahnungslose Publikum erst nach und nach versteht, in welcher Situation es sich befindet. Denn die piepsende junge Frau – als Gliederpuppe von zwei Spielern getragen – begrüßt sie fröhlich beim Einlass, wo Popcorn gereicht wird. Im quadratischen Raum ist bis auf zwei kleine Tribünen nichts zu sehen. Plappernd steigt die Frau auf eine von ihnen und kippt plötzlich leblos von der Kante.

Andere Figuren kommen in den Raum, die dasselbe Schicksal ereilt. Die sechs Spieler sind in dunkle Kombis gesteckt, tragen graue Maske und Kapuze nicht nur, um vor den Puppen zurückzustehen: Nun wirken sie wie eine Miliz oder Terroristengruppe. Figur um Figur führt dieses Exekutionskommando vor, manche wehren sich vehement wie der Gliederpuppenjüngling mit Irokesenfrisur. Eine Klappmaulfigur schreit alle Angst heraus. Eine Hexe ist voll Spott, der Kasper sowieso. Alle sind sie da: Von der Handpuppe bis zur Marionette befinden sich verschiedenste Figurenmodelle darunter und auf diese Weise kommen die Zuschauer in den seltenen Genuss, solche Varianz auf einmal kunstvoll animiert zu sehen. Nur werden die wenigsten das genossen haben, denn alsbald erstirbt alles Leben wieder, wenn Puppe um Puppe über die Klippe geworfen und hernach auf einen Leichenberg in der Mitte gelegt wird.

Einige Male intervenieren Zuschauer, nehmen den Spielern eine Puppe aus der Hand, stellen sich schützend davor und kapern schließlich eine Tribüne, um das Treiben zu stoppen. Sie ernten Applaus der Figurenspieler, die darum aber nicht stoppen mit dem Zum-Schaffott-Schleppen. Einmal soll das Publikum sogar abstimmen, wer überleben darf. Ziemlich kompromisslos ist das Spiel umgesetzt, das wie ein Publikumstest wirkt. Aber um was geht es eigentlich? Hierein mischt sich eine zweite Spur. Es geht nicht nur um die Frage, wie viel Zivilcourage das Publikum mitbringt. Das läuft vordergründig, ist quasi die Maske einer anderen Frage - nämlich der nach dem Verhältnis von Spielerkörper und Figur. Darauf weist eingangs auch die Begrüßungspuppe hin: „Anders als wir können Sie sich frei im Raum bewegen.“ Natürlich sind die Puppen nicht lebendig, können also nicht sterben. Warum aber leidet dann das Publikum mit dem Material mit, funktioniert die Mimesis? Auch darauf zielt Dorons drastisches Konzept und das geht voll auf. Er schafft etwa seltsam Berührendes: Auch wenn man nicht beantworten kann, warum man Puppen retten will, so spürt man für sich, dass sich diese Handlung als die richtige Tat anfühlt.

 

Premiere 18. Dezember 2016

Regie: Ariel Doron
Kostüme: Grit Dora von Zeschau
Raum: Grit Dora von Zeschau
Dramaturgie: Ulrike Leßmann
Es spielen: Patrick Borck, Christoph Levermann, Anna Menzel, Viviane Podlich, Ulrike Schuster, Uwe Steinbach

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