Ausbildung

Vom Abenteuerspielplatz zur einzigartigen Ausbildungsstätte

von Max Florian Kühlem

Birgit Hollack lenkt seit über 36 Jahren die Geschicke des Figurentheater-Kollegs in Bochum.

 

Wenn man vorbei an einer überdimensionalen Hexe durch das Treppenhaus steigt bis nach oben in die ehemalige Hausmeisterwohnung der ehemaligen Schule, dann sitzt da Birgit Hollack an einem Schreibtisch und begrüßt ihre Gäste mit einem entspannten Lächeln. Es ist mittlerweile 30 Jahre her, dass sie mit dem Figurentheater-Kolleg in das schöne Backsteingebäude an der Hohen Eiche 27 in Bochumer Stadtteil Langendreer gezogen ist und damit eine einzigartige Institution nach stürmischen Zeiten in ruhige Gewässer gelenkt hat, in denen sie sich gut entwickeln konnte.

Tanz, Zauberei, Kreatives Schreiben, Märchen erzählen, Clownerie, Dramaturgie, Entspannungstechniken – man könnte die Liste der Weiterbildungsangebote des Figurentheater-Kollegs Bochum, das 2017 40 Jahre besteht, noch lange weiterführen. Birgit Hollack hat rund um die Kernaufgabe der Institution eine Menge Angebot gestrickt, die alle mit dem Thema Kreativität zu tun haben. Das Herzstück ist weiterhin der Bereich Figurentheater, genauer: Der 14-wöchige Orientierungskurs, den jeder absolvieren sollte, der in die Welt des Puppen- und Objekttheaters eintauchen möchte, der Grundlegendes über darstellende und bildende Kunst erfahren möchte und vielleicht sogar nach 50 besuchten Kursen den Abschluss als zertifizierte*r Puppenspieler*in anstrebt.

Selbst Teilnehmerin

Birgit Hollack, die ihren Besucher'innen einen Tee gemacht hat und sie zu einer gemütlichen Besucherecke in ihrem Büro bittet, ist selbst als Teilnehmerin zum Figurentheater-Kolleg gekommen. „Von 1978 bis 1980 habe ich hier meine Fortbildung als Puppenspielerin gemacht“, erinnert sie sich. „Damals war die Institution absolut einzigartig, in Westdeutschland gab es keine andere Möglichkeit, sich in dieser Richtung weiterbilden zu lassen. Die Schauspielschule Ernst Busch mit ihrem Studiengang Puppenspielkunst lag in der DDR und den Studiengang in Stuttgart gab es noch nicht.“

Zum Figurentheater-Kolleg gefunden hat sie über ihre Arbeit auf einem Abenteuerspielplatz. Die gelernte Religionspädagogin kam schon als junger Mensch mit dem Figurenspiel in Kontakt, als ihr der Vater eine Puppenbühne schenkte und sie in der Laienspielschar und in der Gemeinde spielte. Auf dem Abenteuerspielplatz baute sie mit den Kindern und Jugendlichen als Mitarbeiterin der AWO ebenfalls eine Puppenbühne und ein Arsenal an Handpuppen, mit dem sie die Kinder im so genannten „sozialen Brennpunkt“ schnell begeistern konnte, mit dem sie sie öffnen konnte. „Dort ist das Figurentheater für mich zu einem wichtigen pädagogischen Instrument geworden“, sagt sie.

Villa am Stadtpark

Den Einstieg ins Kolleg, das damals noch zum von Fritz Wortelmann gegründeten Deutschen Institut für Puppenspiel (DIP) gehörte, machte Birgit Hollack über eine Schwangerschaftsvertretung. „Am Anfang, als Teilnehmerin, war der Unterricht in einer alten Villa am Stadtpark, dann ging es in eine Schule im Stadtteil Harpen, dann in ein Gebäude an der Kohlenstraße, wo bald die Fenster aus den Rahmen fielen.“ Die frisch gebackene Leiterin begab sie schließlich selbst auf die Suche nach einer geeigneten Immobilie und sorgte mit Mitarbeiter*innen, Teilnehmer*innen und Dozent*innen weitgehend selbst für die Renovierung.

„Damals waren die Leute experimentierfreudige, hatten Mut und Willen zu Veränderung“, sagt sie mit Blick auf die 1980er-Jahre. „Oft umzuziehen und sich neu zu orientieren war ganz normal.“ Dementsprechend divers waren damals die Teilnehmer*innen der Kurse am Kolleg: von Menschen aus der Anarcho-Punk-Bewegung bis zum kreativen Feuerwehrmann, der seine eigene Puppenbühne gründen will, reichte die Bandbreite.

Geballte Kreativität

Die Vision der gebürtigen Gelsenkirchenerin war immer ein offener Ort der geballten Kreativität. „Ein Ort, wo jeder willkommen ist, egal welche Vorbildung sie oder er mitbringt. Ein Ort, der angstfrei ist, wo Dozent*innen empathisch sind, aus Liebe zur Kunst unterrichten und keine Machtgefälle produzieren. Ein Ort, wo alle auch voneinander lernen – der junge vom alten Menschen, Dozent*innen von Teilnehmer*innen und andersherum“, so bringt es Birgit Hollack auf den Punkt. Und wenn man sich ein wenig im Gebäude mit den Kursräumen, Werkstätten und der Studiobühne umschaut, die 2004 dazu gekommen ist, dann spürt man: Die Vision ist Wirklichkeit geworden.

Unter den Dozent*innen sind regelmäßig szenebekannte Namen wie Neville Tranter, Bodo Schulte, Wilde & Vogel oder Anne-Kathrin Klatt, Frank Soehnle, Margit Gysin – die Liste ist noch lang. Dieses Jahr kommt außerdem René Marik dazu, der es mit seinem Maulwurf zu Fernsehberühmtheit geschafft hat.

Viele professionelle Figurentheater und –spieler*innen sind aus der Bochumer Weiterbildungsstätte hervorgegangen. Das Theater mini-art oder die Wilde Hummel, Traumbaum und viele mehr haben hier ihre Ursprünge. Teilnehmer*innen, die sich am Kolleg zu Märchenerzähler*innen oder Clowns ausbilden ließen, touren deutschlandweit.

Generationenwechsel

Träger des Figurentheater-Kollegs ist ein unabhängiger Verein, dem auch Silvia und Peter Möbius (Rio Reisers Bruder) angehören, die einst zum legendären Hoffmann`s Comic Teater gehörten. Gefördert wird es von Stadt Bochum und dem Land NRW. In 2018 steht dem Trägerverein eine schwierige Aufgabe bevor: Er wird nicht nur selbst einen Generationenwechsel stemmen müssen. Birgit Hollack, die langsam das Rentenalter erreicht, will außerdem Platz für einen Nachfolger machen.

„Es muss jemand sein, aus der Liebe zur Kunst und den Menschen hier agiert“, sagt sie, „jemand mit einer eigenen Perspektive und Visionen sowie dem Mut zu einem eigenen Weg.“ Das könne, aber es müsse kein*e Figurenspieler*in sein. Die Ausbildung im Figuren- und Objekttheater wird zwar Kern des Kollegs bleiben – aber als Stätte der Erwachsenenbildung es ist eben längst viel mehr als das.

 

Fotos: Max Kühlem

 

 

1 Kommentar
Sum
31.03.2017

da fehlt noch wer!!!

http://www.juergenkluender.de/figurentheaterkolleg.html

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