Die aktuelle Kritik

Puppentheater Magdeburg: "Gott"

von Kathrin Singer

Das Ensemble verwandelt Woody Allens Komödie zum stets ausverkauften Hofspektakel.

 

Zeus mit Höhenangst

„It‘s not a dream, it‘s real Greece“ prangt als Werbespruch auf dem mit Gewitterwolken leicht verfremdeten Griechenland-Tourismusplakat, das dem diesjährigen Hofspektakel des Magdeburger Puppentheaters als Bühne dient. Allerlei Klappen und Türen lassen auf ein actionreichen Abend schließen. Das amphitheatermäßige - ständig ausverkaufte - Auditorium setzt sich in einem Rundprospekt fort, auf dem sich das Publikum vervielfältigt. Das Bühnenbild von Klemens Kühn bildet einen genialen Rahmen für das wahnwitzige Spektakel, dessen Handlung zu verfolgen eine echte Herausforderung ist. Denn der Komödieneinakter von Woody Allen aus dem Jahr 1978 wechselt die Spielebenen wie die Schauspieler die Kostüme.

Hepatitis und Diabetes, Autor und Schauspieler, streiten, etwa 500 Jahre vor Christus, um den Schluss eines Stückes, mit dem sie beim bevorstehenden Athener Dramatikerfestival punkten wollen. Da sie aber ihrerseits nur Figuren eines gerade laufenden Stückes sind, ist der Handlungsspielraum begrenzt. Die aus dem Publikum zur Hilfe herbeigeeilte Philosophiestudentin erweist sich als fiktiv und spielt nur eine Rolle im Stück. Auch der per Telefon zugeschaltete Woody Allen ist wenig hilfreich, erkundigt er sich doch nur nach dem Aussehen der Studentin und bittet ansonsten um Mitteilung, wie das Stück ausgeht.

Unter der Regie von Moritz Sostmann entwickelt das antik gewandete Puppentheaterensemble mit Jana Weichelt, Anna Wiesemeier, Freda Winter, Richard Baborka, Lennart Morgenstern und Leonhard Schubert aus dieser absurden Konstellation einen temporeichen, von Wortwitz, Situationskomik und regionalen Anspielungen nur so strotzenden Theaterabend. Sostmann setzt auf deftiges Handpuppentheater. Die von Barbara Weinhold* geschaffenen Köpfe ähneln den realen Darstellern auf‘s Haar und sorgen für effektvolle Doppelungen. Dreh- und Angelpunkt ist dabei der Erfinder, der dem Autor eine Lösung für sein Stück anbietet: einen vom Himmel einschwebenden Zeus – eine winzige mit Rettungsfolie und Glitzerschal versehene Handpuppe - der die Rettung bringt.

Schon zu Beginn des Stückes zittert sich Darsteller Florian Kräuter zu großem Vergnügen des Publikums die Leiter hoch – eine Nummer für sich! - um einen Schandfleck im Plakat auszubessern, um am Ende unter großem Getöse als Zeus von der Leiter zu fallen: Gott ist tot! Hepatitis und Diabetes werden, dem Wahnsinn nahe, von den Maltesern abgeholt. „Gott“ ist am Magdeburger Puppentheater eine gelungene Parodie auf antikes Theater und moderne Dramatik gleichermaßen nicht ohne vergnüglich die Frage aufzuwerfen, wer auf der Bühne und auch im echten Leben, falls es das überhaupt gibt, eigentlich die Strippen zieht.

Dem Spektakel vorangestellt wurde auf einer zweiten Bühne eine Szenenfolge in der Regie von Astrid Griesbach mit Studierenden der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“: „Troja vor und nach Shakespeare“. Sieben seltsame, krötengesichtige Gestalten bedauern den Kriegsstillstand, der für sie nicht nur Langeweile, sondern auch Hunger bedeutet. Aus diesem Rahmen entwickeln sich Spielszenen rund um den Trojanischen Krieg, mit Überspitzungen, die die Absurdität von Krieg sichtbar machen soll. Auch wenn es einzelne originelle, von den jungen, wunderbar wandelbaren Studierenden gespielten Szenen gibt, zum Beispiel die im wahrsten Sinne Wahrheit auskotzende Kassandra – insgesamt vermag die Szenenfolge nicht richtig zu zünden und findet auch wenig Bezüge zum nachfolgenden Spektakel auf der Nachbarbühne.

 

Premiere: 24. Juni 2017

Regie: Moritz Sostmann
Bühne und Kostüme: Klemens Kühn 
Puppen: Barbara Weinhold 
Dramaturgie: Stephanie Preuß
Regie-Assistenz: Colin Danderski 
Spiel: Jana Weichelt, Anna Wiesemeier, Freda Winter, Richard Barborka, Florian Kräuter, Lennart Morgenstern, Leonhard Schubert

*Den beiden Puppenbauern Barbara und Günter Weinhold ist noch bis Oktober eine Personalausstellung in der Figurenspielsammlung Mitteldeutschland der „villa p“ in Magdeburg gewidmet.

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