Künstler / Akteure

Nachwuchs im Portrait: Johanna Kolberg arbeitet an Utopien

von Max Florian Kühlem

Am Düsseldorfer Stadttheater wertet sie die Produktion „Das Versprechen“ durch eine spannende Mischung aus Schau- und Figurenspiel auf. Mit ihrer eigenen Truppe Komplexbrigade entwirft sie von Berlin aus spannende immersive Räume, Abende zwischen Performance-Theater, Game und Installation. Die gerade mal 21-jährige Johanna Kolberg macht sich mit außergewöhnlichem Spiel, eigenen Themen und experimentellen Zugriffen einen Namen in der Figurentheaterszene.


Eigentlich würde Johanna Kolberg gerade gerne einfach mal Pause machen. Nach dem Abitur ist sie sofort in den Studiengang Puppenspielkunst an der Hochschule „Ernst Busch“ in Berlin gewechselt – „von einer krassen Struktur in die nächste“, wie sie es ausdrückt. Für eine Pause ist die Zeit nach ihrem Abschluss allerdings denkbar schlecht: Kaum der Jugendzeit entwachsen hat sie sich schon einen Namen in der Szene gemacht. „Jetzt ist Sprungbrettzeit“, sagt sie. „Es öffnen sich gerade so viele Türen. In welche setze ich meinen Fuß?“

Aber drehen wir die Zeit nochmal kurz ein paar Jahre zurück: Johanna Kolberg ist Schülerin in Halle an der Saale und steckt sehr viel Energie in die Verweigerung – beziehungsweise die Suche nach wirklichen Entfaltungsmöglichkeiten. „Ich hatte in der Schule nicht das Gefühl, wie ein selbst denkendes Subjekt behandelt zu werden. Man wird nicht dazu inspiriert, zu fragen: Was will ich wirklich? Wie will ich wirklich leben?“, sagt sie. Immer noch geistert ihr die Idee im Kopf herum, konstruktiv zu handeln und ein neuartiges Schulkonzept zu entwerfen. „Aber damals wollte ich einfach nur mein Abi und weg.“

"Theater war immer"

Dass es sie in den Theaterbereich drängen würde, war lange angelegt: „Theater war immer“, erzählt sie. „Mit sechs Jahren habe ich angefangen mit Improtheater. Ich wollte spielen und damit etwas erzählen, auch eine Form von Verrücktheit mit anderen teilen.“ Bis zur Volljährigkeit war sie Mitglied in verschiedenen Improtheater-Gruppen, außerdem im Jugendclub des Thalia Theaters Halle, Spielmitte, wo sie mit Sprechtheater in Kontakt kam.

Eine Puppe hatte sie in all den Jahren nicht in der Hand. Warum dann die Entscheidung, sich für Puppenspielkunst zu bewerben? „Weil ich über den Studiengang gehört hatte, dass er eine große Bandbreite vermittelt: Man lernt dort auch Schauspiel, Schreiben, Konzepte zu erstellen, Regie zu führen, Bühnenbilder zu bauen, Akrobatik, Pantomime, Tanzen, Sprechen… Ich dachte, das könnte eine breite Basis sein für ganz viele Wege. Denn ich sehe mich nicht als reine Puppenspielerin.“

Das Studium war für sie eher eine Art Werkzeugkasten, aus dem sie sich bedient hat, um eine schillernde Künstlerinnenpersönlichkeit auszustatten. Während der Zeit an der „Ernst Busch“ kamen auch Fähigkeiten zu ihr, die sie vorher noch nicht einmal am Horizont gesehen hat: „Ich habe angefangen, zu programmieren, mich mit digitalen Medien zu beschäftigen.“ Um diese Skills wieder mit klassischeren Formen des Schau- oder Figurenspielens rückzukoppeln, gründete sie mit drei Kommilitonen die Gruppe Komplexbrigade.

Zuschauende als Spielende

„Wir glauben, dass die Theaterzuschauer*innen frei nach Schiller erst dort ganz Mensch sind, wo sie spielen“, beschreibt die Komplexbrigade ihren Ansatz. Für Fidena.de-Kritiker Tom Mustroph ging er in der Produktion „Solaris“ an der Berliner Schaubude voll auf: „Verblüffend war zu beobachten, wie die einzelnen, egal ob Kritiker, Puppenspielkollegen oder ganz normale, also weder beruflich noch freundschaftlich verbundene Premierengäste, ihre Rollen annahmen. Der Kapitän strahlte Autorität aus, die Wissenschaftler Kompetenz, die Funker wirkten sehr ernsthaft“, schreibt er. „Friedrich Schiller hätte sich sicher darüber gefreut […] In seinem viel zitierten, aber wesentlich seltener gelesenen Aufsatz mit der Frage: "Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?" ging er nämlich nicht nur auf den Zeigefinger-Aspekt der ‚moralischen Anstalt‘ ein, sondern skizzierte sein Idealtheater eben auch als eine ‚Schule praktischer Weisheit‘.“

In der neueren Produktion „World To Come“ für das Ballhaus Ost hatte die Komplexbrigade dann eine Art Neuformulierung von Marionettentheater ohne Marionetten im Sinn: „Computerspielende haben die Fäden in der Hand“, erklärt Johanna Kolberg, „sie bestimmen die Handlung wie höhere Wesen.“ Für den Abend bedeutete das konkret, dass das Publikum zu handelnden Protagonisten wurde, die Vorschläge für die Ordnung einer neuen Zivilisation machten – unter anderem per Live-Stream ins Netz. Das Publikum im Netz entschied dann darüber – wie unsichtbare Götter.

Klassisches Sprechtheater geht auch

Nach solchen eher experimentellen Ansätzen erstaunt, dass die junge Spielerin auf einmal auf der klassischen Sprechtheaterbühne des Schauspiels Düsseldorf stand. Regisseur Tilmann Köhler wollte für seine Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts „Das Versprechen“ das Kind, das ermordet wird, als Puppe darstellen. Über eine Empfehlung wandte er sich an Johanna Kolberg, die in der Inszenierung nicht nur die Puppe, sondern auch andere Rollen spielt. „Es ist nicht selbstverständlich, dass man als Puppenspieler*in zur Spielweise eines Stadttheaters passt“, sagt sie. „Ich musste mich erstmal herantasten, Purismus, Klarheit und Schlichtheit lernen, vielleicht auch eine gewisse Ernsthaftigkeit“.

Die Erfahrung des Spiels auf der großen Bühne hat es ihr jedoch angetan: „Es sollte viel selbstverständlicher sein, dass Puppenspiel in Stadttheater-Inszenierungen integriert wird. Man hat auf diesen Bühnen viel mehr Möglichkeiten – und die Leute mögen es.“ Die Großhandpuppe wurde nach einem Abguss von ihrem Gesicht erstellt und ist eine Art halbes Kind, durch dessen Rücken die Spielerin mit ihren Armen hineinschlüpft, um es zu animieren. „Diese Form macht Spaß, ich kann meinen Körper einfach dazu addieren.“

Es gibt also bereits zwei feste Linien in Johanna Kolbergs Leben als Künstlerin: Das Spielen – am liebsten mit ganz verschiedenen Formen (im Moment interessiert sie am meisten das Maskenspiel). Und das Konzipieren von eigenen Stücken oder immersiven Räumen zwischen Theater und Game. Über diese will sie den Zuschauer*innen zu gemeinsamen Erfahrungen verhelfen, durch gemeinsame Handlungen sollen sie letztlich zur Diskussion grundlegender Fragen kommen: Wie wollen wir leben? Welche Utopien haben in unserer Zeit Gültigkeit? „Ich will die Menschen dazu bringen, sich als handelndes Subjekt zu fühlen“, sagt sie und erinnert damit an die rebellische Schülerin, die sie noch vor kurzer Zeit war.

 

Hier geht es zu unserer "Solaris"-Kritik.

 

Fotos aus der Inszenierung "Das Versprechen": Matthias Horn
Portrait und Gruppenfoto: privat

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