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Die Puppen-Designerin erzählt. Über das Buch von Vera Bródy

Unsere ehemalige Researcherin Moni Goda hat uns auf die Veröffentlichung der Lebenserinnerungen von Vera Bródy, einer ungarischen Puppendesignerin aufmerksam gemacht. Goda hat für uns eine Rezension in deutscher Sprache geschrieben und wir freuen uns sehr, so auch einen neuen Einblick in die ungarische Figurentheaterszene zu erhalten.

»Es war einmal…« – so fängt die 92-jährige Puppen-Designerin Vera Bródy an ihre fabelhafte – aber gleichzeitig wahre – Geschichte zu erzählen. Und diese scheint wirklich wie ein „wahres“ Märchen zu sein. Ohne historische Angaben oder weitere, auf das reale Alltagsleben bezogene Details zeichnet sie ein informatives Bild über die Entstehung und Entwicklung des professionellen Puppenspiels in Ungarn. Bródys subjektiver Bericht kann als ein einzigartiges Zeitdokument über die ersten 50 Jahre des 20. Jahrhundert betrachtet werden. Ihr Schreiben dokumentiert ihren leidenschaftlichen Dauermarsch für einen eher unbekannten Kunstbereich - die Puppenspielkunst. Im Mittelpunkt ihrer künstlerischen Arbeit stand der zeichnerische Entwurf von Puppen. Manchmal realisierte sie selbst ihre Entwürfe und später führte sie auch Regie. Die Ungarische Nationalbibliothek hat ihre theatergeschichtliche Sammlung durch Originalzeichnungen der Künstlerin erweitert und am Ende des letzten Jahres gemeinsam mit dem beliebten ungarischen Kinderbuchverlag „MÓRA“ die Veröffentlichung ihrer Lebenswerkerzählung durchgeführt.

Beim Lesen des Buches erhält man den Eindruck, dass dem Erzählten etwas Wunderbares beiwohnt. Von Anfang bis zum Ende kann man amüsiert folgen, wie es dieser kreativen Frau gelungen ist, lebenslang spielen zu können.

Vera Bródy erinnert sich an Erlebnisse aus ihrer Kindheit im Zoo, Zirkus oder im Stadtpark, wo Gaukler den staunenden Zuschauer*innen ihre zauberhaften Spielzeuge vorführten.   Von einem ist sie überzeugt: Diese Abenteuer hatten es überhaupt erst ermöglicht, dass sie in die „Welt der Wunder“  eintreten konnte. Die erste Begegnung mit dem Puppentheater geschah zufällig, als Vera Bródy schon erwachsen war. Sie hatte eine Vorstellung von dem russischen Pionier des Puppenspiels, Sergei Obrazcow  gesehen, die sie nachhaltig prägen sollte. Seine Kunst war ihr Inspiration für das ganze restliche Leben.   Mit drei Strumpfkopf-Figuren, die sie noch am selben Tag nach der Aufführung gebaut hatte, stand Vera Bródy in der Tür des einzigen staatlichen Puppentheaters Ungarns in Budapest. Ab diesem Moment wurde ihr Lebensweg als Puppendesignerin vorgezeichnet.  

Sie arbeitet zunächst als Stenotypistin für den Direktor und lernte so die Abläufe im Theaterbetrieb kennen. Auch zur Werkstatt erhielt sie freien Zutritt. Kein Wunder, denn im Budapester Puppentheater wurde sehr eng zusammengearbeitet - eine Gemeinschaft mit familiärer Atmosphäre und viel Spaß. Aufgrund der beschränkenden Umstände der Nachkriegszeit entstand die vorteilhafte Situation, dass viele Künstler*innen der jüngsten Generation, besonders ehemalige Mitglieder der sogenannten ‚Europäischen Schule’ (Künstlergruppe) in dem neugegründeten Staatlichen Puppentheater Arbeitsmöglichkeiten bekommen hatten.  Maler*innen, wie Lili Ország, Endre Bálint und Anna Márkus arbeiteten dort und planten und fertigten in erster Linie die Bühnendekoration.

Für Vera Bródy war der Bildhauer József Jakovits (kurz ‘Jaki’) der bedeutendste Mitarbeiter, der oft als ‚die Seele der Truppe’ bezeichnet wurde. Durch die Hilfe dieses großen Künstlers konnte sie sich eine neuartige Herangehensweise aneignen, nämlich „in Material zu denken“.   Als Designerin   tätig zu sein, war in ihrem Fall schnell zu einer Lebensform geworden: „Alles wird um den Menschen herum lebendig sein. “Diese Betrachtungsweise zeigt sich auch in einer Anekdote Vera Bródys: Bis heute entdeckt sie beim Schälen von Gemüse durch ihre ständigen Assoziationen Gesichter in ihnen.

Sie nennt es ein besonderes Wunder, die Welt erneut als Kind erleben zu können und sie ist davon überzeugt, dass man diese Fähigkeit nicht nur erhalten, sondern auch trainieren kann. Es ist der ungarischen Puppentheatergruppe in den 50er und den 60er Jahren gelungen, diesen Wunsch beim Erwachsenenpublikum zu wecken. Und das nicht nur in Budapest.

Nach einem unglücklichen Direktorwechsel (in 1955) zog das ganze Ensemble nach Győr, wo die Regisseurin, Kató Szőnyi einen idealen Ort für das Weiterspielen organisiert hatte. Erst nach Jahren (in 1958) als Dezső Szilágyi Leiter des Budapester Puppentheaters geworden war, wurden sie alle eingeladen, zurückzukommen, um an der Realisierung seines Programms mitwirken zu können.
In Győr stand Vera Bródy zum ersten Mal selbst auf der Bühne: Schritt für Schritt sammelte sie, immer wieder mit neuen Spielsituationen konfrontiert, in unterschiedlichen Bereichen des Figurentheaters Erfahrungen. Bródy vertritt die Ansicht, dass die Geburt einer Puppe sich dreimal vollzieht: zuerst auf dem Papier der Entwerfer, dann auf der Werkbank und am Ende in den Händen des Spielers. Zudem besaß sie eine besondere Beziehung zu den von ihr gestalteten Figuren. Egal wo Bròdy hinging, die Puppen begleiteten sie.  

Man erfährt eine Menge spannender Informationen in Bródys Zeilen über neue Techniken. Dies gilt auch für die dahinter verborgenen theoretischen Überlegungen, die durch eine Weiterentwicklung der traditionellen zu einer modernen Spielweise entstanden sind. Fast unbemerkt thematisiert sie Fragen zur Repräsentation von Tierfiguren und Naturelementen, der neu praktizierten offenen Spielweisen, des Unterschieds zwischen dem gefilmten Puppenspiel und dem auf der Theaterbühne sowie der Verwendung von Volkskunstelementen in den Praktiken des Figurentheaters.

Von einigen der großen Erfolge berichtet sie mit Enthusiasmus und mit Stolz. Vor allem vom ersten für Erwachsene konzipierte Stück, der Sichere Erfolg, das an dem von der UNIMA in 1958 organisierten Festival in Bukarest den Preis für die beste Inszenierung gewonnen hat sowie die erste Version von Béla Bartóks  Der holzgeschnittene Prinz, für das Figurentheater, welches sie in Frankreich als Budapester Truppe spielten.

Bródys Sprache beinhaltet eine große Schlichtheit, so dass ihre Worte trotzdem viel mehr als bloße und leere Nostalgie enthalten.   Am liebsten beschreibt sie spielerische Experimente, die sie in einer intensiven Partnerarbeit mit dem berühmten ungarischen Puppenbauer, Iván Koós entfaltet hat (u.a. Der Nussknacker von Tschaikowski). Ebenfalls beschreibt Bródy viele Erlebnisse ihrer Arbeit in Paris, wo sie seit ihrer Hochzeit im Jahr 1968 lebt, als unvergesslich, wie ihre Lehrtätigkeit, ihre erste selbstständige Inszenierung (L’Oiseu de feu von Igor Strawinski) oder auch das Verfassen ihrer französischsprachigen Publikationen (Le fil épinglé, 2001; Le tricotin, 2001; Animaux en papier enroulé, 2005 etc.).
Egal womit sich Bródy auch beschäftigt, nichts (auch dieser Text) bleibt unbelebt. Sie waltet – wie ihr ehemaliger Komponisten-Kollege István Láng in seiner Würdigung formulierte – tatsächlich als Puck: „Durch ihre Berührung oder ihren Anblick belebt sie alles, was ihr begegnet.“
Eine schöne Profession. Und das Schönste ist, dass diese wunderbare Künstlerin genauso wie ihre kleinen Kreaturen nicht nur gewesen sind (irgendwann im letzten Jahrhundert), sondern noch bis heute leben. Ihr Leben wurden auf den Seiten dieser Ausgabe durch schöne Bilder und tiefgreifende Wörtern sicht- und erlebbar gemacht.

 

Foto:
Erzsébet Turcsányi, Lajos Varanyi, Gyula Orbán und Vera Bródy während der Probe der Vorstellung “Kacsalaki rejtély”. Budapest, 1966. Foto: Keleti, Éva