Gewinner des Kunstpiep 2011

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How to Raise the Moon
Strahlende Gewinnerin des mit 2.000,- Euro dotierten Wettbewerbs für Medienkunst ist die Kölnerin Anja Struck, die die Fachjury mit ihrem Beitrag „How to raise the moon“ überzeugte. Unter großem Applaus nahm sie Pokal und Preisgeld entgegen.

Anja Struck: geboren 1973, 1995-1998 Studium Grafik-Design an der Fachhochschule Aachen, 1998-2004 Studium Experimentalfilm und Animation an der Kunsthochschule für Medien Köln

2000: „Scenes from the 2nd storey“
2000: "NIN - The fragile"
2001: „15 ways to describe the rain"
2002: Enfants du miel“
2004: „Allerleirauh“
2011: „How to raise the Moon“

Beschreibung:
In einem Raum der verdichteten Zeit werden die Bewegungen der leblosen Dinge sichtbar und Fuchs und Hase verstricken sich in einem Wettstreit um eine schlafende Frau.
Ein experimenteller Animationsfilm über den Stillstand, das Zusammenwirken von Kreisläufen in einer poetischen Welt und das Geheimnis, wie man den Mond aufgehen lässt.
 
Regie: Anja Struck
Darstellerin: Tora Balslev
Kamera: Angela Poschet
Animation: Dan Ramsay, Anja Perl,Maire-Louise Hojer Jensen, Leo NIcholson
Musik: Marcio Doctor
 
Dauer: 5:39min

www.reflektorium.de
FIDENA 2011 - Kunstpiep -
Laudatio

Ganz grundlegende Themen und Figuren sind uns in diesen ausgewählten Filmen begegnet: Es ging um Puppen, Tiere und Menschen, Spiel und Ernst, Illusion und Wirklichkeit, Leben und Tod. Der Preis der Fachjury geht nun an einen Film, dem es um all diese Themen gleichzeitig geht und der es in besonderer Weise schafft, die Grenzen in diesen Konstellationen konstruktiv aufzuheben. Scheinbar gegensätzliche Kategorien wie Licht und Dunkelheit, Logik und Unlogik oder Leben und Tod werden somit konsequent miteinander überblendet und vereint. Hierüber scheint der Film die Idee der Grenze selbst zu markieren, zu besetzen, sie in einem konstanten Zwischen-Raum medial zu vergegenwärtigen.

In diesem Sinne spannt der Film zwar einen eindeutigen narrativen Bogen; dieser kann jedoch die Logik seiner Ablauffolge nur durchsetzen, wenn man als Zuschauer die gleichsam un-logischen Prämissen seiner spezifischen Vision bedingungslos anerkennt. Der Film schafft es von der ersten Sekunde an, Fantasie als Modus der Wahrnehmung zu akzeptieren und gleichzeitig das Wissen der Wirklichkeit zu entfremden.

Der Kurzfilm ist gleichsam zeitlos, oder besser: Er fällt aus jeder Vorstellung von Zeit und Zeitlichkeit heraus: Er schließt an surreale Bildwelten der 20er Jahre an und thematisiert maschinelle Mechanismen dieser Zeit. Gleichzeitig evoziert er Assoziationen zu klassischen Märchenfiguren wie dem Hasen und dem Igel, die in einen Wettstreit verfallen sind. Und dennoch kann er nur im digitalen Zeitalter in dieser Weise entstehen und seine Faszination und Relevanz entfalten.

Ein Film, in weichem schwarz/weiß zwischen Tag und Nacht, im Dämmerzustand zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Schlafen und Wachen. Dieser schwebende Zustand wird nicht nur audio-visuell inszeniert, sondern gleichsam selbst filmisch verkörpert und transportiert. So bleibt der Status der Bilder und der mediale Ort ihrer Entstehung immer ungewiss: Träume ich den Film oder träumt der Film vielleicht sogar mich? Letztendlich wird hierüber die Medialität des Films selbst anschaulich: Film ist (und dies ganz besonders im Zeitalter seiner digital bedingten Allgegenwärtigkeit) immer hier und jetzt und gleichzeitig immer weit weg und lange vergangen.

Film ist weiterhin, das wird in diesem Werk in außergewöhnlicher Weise deutlich, ein Medium zwischen Leben und Tod, zwischen starrem Bild/Fotografie und bewegter Abfolge – eine Differenz, die ganz explizit aufgerufen wird in der Doppelung von verschiedenen medialen Arrangements: Werden doch die Protagonisten filmisch lebendig, indem sie der Starre eines beigeordneten Gemäldes entspringen. In besonderer Weise werden hier die ästhetischen Ausdrucks- und Inszenierungsmodi des Figuren- oder Puppenspiels sinntragend: Welche Stellvertreter könnten diesen Raum zwischen Leben und Tod besser markieren als gleichsam re-animierte Tier-Figuren, die für die begrenzte Dauer des Kurzfilms, im Zwischendunkel/Twilight des Films zum Leben erweckt und nur hier tatkräftig werden können. Fuchs und Hase scheinen ansatzweise mutiert, sind Horrorversionen ihrer selbst; und doch sind sie fast spürbar Tiere aus Fell und Stoff, gleichsam „Stofftiere“, die immer wieder durch menschliche und auch humorvoll anmutige Bewegungen und Reaktionen gekennzeichnet sind.

Der Film ist schaurig und schön, Traum und Alptraum, Ausdruck von Angst und zärtlicher Sehnsucht – und dies, das ist das Bemerkenswerte an dem Werk, immer alles zugleich. Dieser Film reißt den Zuschauer mit spitzen Fangarmen an sich, be-lastet ihn mit gebündelten Blumensamen und löst ihn schließlich doch von den Banden an die Welt. Er versetzt den Zuschauer in einen Schwebezustand, entfesselt ihn, getrieben von der romantischen Sehnsucht nach dem Fixpunkt jeder medialen Illusion, der Projektion des Mondes.

Ganz herzlichen Dank an die Filmemacherin und ihr Team – dafür, dass sie uns gezeigt haben, wie man den Mond aufsteigen lässt. Der Kunstpiep 2011 geht an How to raise the moon von Anja Struck.

Katrin Mundt,
Annegret Richter,
Christian Stewen

03. Oktober 2011