FIDENA - Das Festival

FIDENA - Figurentheater der Nationen seit 1958

Über ein halbes Jahrhundert FIDENA wurde bereits bestritten – mit weit über 1000 Vorstellungen von 444 Theatergruppen und Solokünstlern aus 47 Ländern.

Die Reihe bedeutender Künstler, die in Bochum gastierten, ist schier endlos. Sie reicht von den geschätzten traditionellen Kasperspielern Walter Büttner und Frieder Simon, großen Marionettenspielern wie Albrecht Roser und Frank Soehnle, erfolgreichen Bühnen wie der Augsburger Puppenkiste oder dem berühmten Neville Tranter, Experimentierern wie Yves Joli über renommierte Ensembles aus Warschau oder Stockholm, traditionelle Puppenspieler aus Java, Malaysia oder der Türkei, Schattentheater aus Australien, Objekttheater aus Deutschland und Frankreich von Gyula Molnàr oder Jean Pierre Larroche bis hin zu medialen Performances, großem Bildertheater von Anriy Zholdak, spannenden Grenzgängen zwischen den Künsten mit Stars wie Stelarc, Robert Lepage oder Jan Lauwers oder Installationen, in denen der Zuschauer selbst zum Protagonisten wird.

FIDENA klingt in den Ohren des heimischen wie des weltweit anreisenden Publikums nach künstlerischem Abenteuer, ästhetischer Provokation, subversiver Tradition und intelligentem Vergnügen.

Lesen Sie im folgenden pdf, wie sich das Festival seit 1958 entwickelt hat. Oder klicken Sie in die einzelnen Zeitabschnitte links in den Untermenüs.

Fidena 1958 - 1976

1958 – 1976: Die Ära Wortelmann

Bereits 1958 gründete der Bochumer Verleger Fritz Wortelmann, zunächst unter dem Namen „Meister des Puppenspiels“, ein internationales Festival in seiner Heimatstadt, das 1972 in „Figurentheater der Nationen“ umbenannt wurde und bis heute existiert. Ein Beweggrund für die Veranstaltung einer internationalen Begegnung ist in dem Wunsch nach Aussöhnung und Überwindung ideologischer Gräben zu vermuten. So weist Wortelmann, der 1929 an der Gründung der internationalen Puppenspiel-Organisation UNIMA (Union Internationale de la Marionnette) beteiligt gewesen war, in späteren Schriften auf die außerordentliche Bedeutung von Künstlerfreundschaften in Zeiten politischer Abgrenzungen und Feindseligkeiten hin.

Die ersten nach Bochum eingeladenen „Meister des Puppenspiels“ waren der junge Stuttgarter Marionettenspieler Albrecht Roser, der Franzose Jaques Chesnais, der Dresdner Handpuppenspieler Carl Schröder und der Leiter des staatlichen Moskauer Puppentheaters, Sergej Obraszow, der mit seinen Handpuppensoli Begeisterungsstürme entfachte.

Schon 1960 konnte das Festival dank großzügiger Unterstützung durch die Stadt Bochum als Gastgeber des UNIMA-Kongress auftreten – die Ausrichtung dieses bedeutenden internationalen Kongresses teilten sich damals die Städte Bochum und Braunschweig, wo Fritz Wortelmanns „Konkurrent“ Harro Siegel die „Europäische Puppentheaterwoche“ gegründet hatte. Gemeinsam war beiden Festivalleitern das Bekenntnis zum Puppentheater als einer ernstzunehmenden Kunst gegenüber allen Versuchen, es als Unterhaltungsgewerbe abzuqualifizieren. Einig waren sie sich auch im Bestreben, dem Bild des Puppentheaters als einer Kunst ausschließlich für Kinder entgegenzuwirken.
 

Die Unterstützung der Stadt Bochum war im Übrigen nicht auf die Ausrichtung des UNIMA-Kongresses beschränkt, im Gegenteil: Die Bochumer Kulturpolitik verstand sich von Anfang an bis in die Gegenwart als Förderer sowohl des Instituts (damals „Deutsches Institut für Puppenspiel“, heute „Deutsches Forum für Figurentheater und Puppenspielkunst“) als auch des Festivals und hat nach dem Erfolg der ersten Ausgabe der „Meister des Puppenspiels“ zusätzlich einen hohen Geldpreis für das Amateurpuppenspiel gestiftet, der bis heute, inzwischen als „Fritz-Wortelmann-Preis der Stadt Bochum“, vergeben wird.

Fidena 1992 - 1998

1992 – 1998: Der Umbruch

Nach der von Stadt und Land durchgesetzten Schließung des Deutschen Instituts für Puppenspiel wurde von der Stadt Bochum sowie maßgeblichen Verbänden und Ausbildungsinstitutionen des Puppentheaters das „Deutsche Forum für Figurentheater und Puppenspielkunst (dfp)“ geschaffen. Die Bestellung der Ostberliner Theaterwissenschaftlerin und Kritikerin Silvia Brendenal als erste Direktorin des (weit im Westen gelegenen) dfp sollte kurz nach der deutschen Wiedervereinigung ein deutliches Signal setzen.

Sie öffnete schon in ihrer ersten Ausgabe der FIDENA 1992 wieder dezidiert den Blick nach Westen, besonders auf das Objekttheater aus Frankreich und Italien (Gyula Molnàr, Roland Shön, Cie. Mediane, Ass. Skappa). Thematisch jeweils durch eine Art Motto gebündelt, reichte die Spannweite der Aufführungen von der solistischen Handpuppeninszenierung oder dem Erzähltheater mit Objekten für Kinder über große Ensemble-Produktionen mit Masken-, Puppen- und Schauspiel bis hin zu kinetischen Installationen. Dafür standen aus Deutschland das Kammertheater Neubrandenburg oder das Materialtheater Stuttgart; aus Japan Hoichi Okamoto mit seiner zwischen Butoh, Bunraku und Maskentheater oszillierenden Arbeit; aus Dänemark das dänische Paraplyteatret mit poetischen Dingwelten für Kinder und die Handspring-Puppet Company aus Südafrika mit dem bildenden Künstler William Kentridge.

Fidena 1976 - 1990

1976 – 1990: Der Nachfolger

Im Jahr 1976, nach dem Tod Fritz Wortelmanns, übernahm der promovierte Theaterwissenschaftler Jürgen Klünder die Leitung des Deutschen Instituts für Puppenspiel (DIP) und der FIDENA.

Er richtete sein Augenmerk zunächst auf das Potential des Puppentheaters als einer „Volkskunst“. Wie viele der damals entstehenden „Freien Theater“ interessierte er sich für Alternativen zu etablierten Theaterformen, auch mit politischem Anspruch, wie z.B das berühmte „Bread and Puppet Theater“. Später revidierte er diese Sicht und öffnete das Festival noch weiter für diverse experimentelle Formen. So holte er unter anderem die Amerikaner Eric Bass und Roman Paska oder auch das italienische Schattentheater „Gioco Vita“ sowie bereits 1986 Neville Tranter (Stuffed Puppet Theatre) mit „Sieben Todsünden“ nach Bochum und gab dem jungen Objekttheatermacher Peter Ketturkat Präsentationsmöglichkeiten. Zudem erreichte er, dass der Bochumer Lions-Club einen Textpreis für Figurentheater stiftete, den das DIP in der Folge vergab.

Und dann war es gerade Klünder, der 1989 „das Ende der Bescheidenheit“ propagierte, der Puppentheater nur in der Organisationsstruktur subventionierter Stadttheater für überlebensfähig hielt und nun vor allem große Inszenierungen etablierter Ensemblepuppentheater aus Osteuropa, China und der DDR einlud. Da war aber das Ende seiner Ägide bereits eingeläutet. Das DIP wurde am 31.12.1991 geschlossen.

Fidena 1998 - heute

1998 – heute: Aufbruch ins neue Jahrtausend

Auch nach dem Leitungswechsel behielt die FIDENA ihr Profil als ein Figurentheaterfestival mit Schwerpunkt auf innovativen Formen. Die neue Geschäftsführerin und gleichzeitig künstlerische Leiterin der FIDENA, die in Opernregie und Kulturmanagement ausgebildete Annette Dabs, führte die begonnene Linie konsequent weiter.

Schon die Einladung des australischen Künstlers Stelarc mit seiner hybriden Performance „Exosceleton“ zum Auftakt ihrer ersten FIDENA 1999 setzte ein Zeichen: immer werden die Schnittstellen zwischen Bildender und Darstellender Kunst gesucht, die Verbindung von Musiktheater und Objekttheater, das Verhältnis von Bewegung (Tanz), Figur und Raum. Das schließt Inszenierungen am äußersten Rand dessen, was unter Figurentheater verstanden wird wie Arbeiten des Kanadiers Robert Lepage, des ukrainischen Regisseurs Andrij Zholdak oder der französischen Choreographin Gisèle Vienne ebenso ein wie aktuelle Versionen historisch-anarchischen Kaspertheaters z.B. durch das russische Künstlerkollektiv AKHE.

In den letzten Jahren hat sich die FIDENA zu einem produzierenden Festival weiterentwickelt, viele Uraufführungen kamen in Koproduktion oder sogar als Auftragsproduktion in Bochum heraus. Im Mittelpunkt steht die Begegnung der Künste und der Künstler. Unterstrichen wird der Begegnungsaspekt des Festivals auch durch die Einbindung von Studenten der Theaterwissenschaft und Puppenspiel-Absolventen, durch begleitende Symposien und Gesprächsrunden. Einen besonderen Stellenwert nimmt darunter das Europäische Theaterlaboratorium im Jahr 1999 ein, an dem Künstler aus Deutschland, Italien und Frankreich teilnahmen, eine produktive künstlerische Auseinandersetzung, die bis heute anhält.

Das „International Meeting of Festivaldirectors“ war ebenfalls ein Meilenstein für internationale Begegnungen. 2003 begann dieses Symposium, 2007 und 2014 wurde es fortgesetzt und verhandelte die Rolle internationaler Festivals in Zeiten der Globalisierung. Ergebnis ist ein bis heute aktives Netzwerk von 85 Festivalleitern aus allen Regionen der Welt, die sogenannte „Tucholsky-Connection“.

Das Festival FIDENA hat sich regional wie international als Plattform für wagemutige und anspruchsvolle Inszenierungen des Figurentheaters etabliert, es hat sich eine hohe öffentliche Akzeptanz erarbeitet und einen deutlichen Imagegewinn der Darstellungskunst mit Puppen und Objekten erreicht. Das spiegelt sich auch an den Kooperationen der FIDENA mit anderen Institutionen wider. Stellvertretend seien das Schauspielhaus Bochum, die Ruhr-Universität Bochum, das Theater an der Ruhr in Mülheim, die Ruhrfestspiele, das Teater Instituut Nederlande und die Einbeziehung des Festivals in das hochkarätige Programm der „Ruhrtriennale“ genannt.

Annette Dabs engagiert sich in verschiedenen Jurys, ist Mitglied des Internationalen Theaterinstituts und Vizepräsidentin der Welt-Unima. 2009 erhielt sie den Ehrenring der Stadt Bochum.